Vor allem ärgerlich!
Das schlimme am sogenannten Webzwonull ist ja, daß wirklich jeder denkt, er müßte unbedingt seine Meinung artikulieren, sonst geschieht ein Unglück. Als Veranstalter ist man dann auch nicht gerade zu beneiden, schaut man sich am Tag nach dem (anderswo bereits überall ausführlich erläuterten) verfrühten Ende des Berlinfestivals am Freitag – und kurz vor der Ankündung einer notwendigen Programmstraffung des zweiten Abends – die Stimmen z.B. bei Facebook an: alles dabei, von Menschen, die „den Veranstalter verklagen“ wollten bis zu neugegründeten Hass-Communities. Und auch wenn man vermutlich durchaus einige planerische Verpeiltheiten auf allen Seiten anprangern könnte, und auch wenn jene Verpeiltheiten bei weitangereisten Fatboy-Slim-Fans mehr zum Tragen kommen als bei vorderhaustürwohnenden Hipstern, die von großen Namen eher abgeschreckt werden, so kann man sich nach all dem Stress vielleicht doch wenigstens darauf einigen, daß man für 2011 (also zum dann sechsten (?) Berlinfestival und zum dritten auf dem Ex-Flughafengelände Tempelhof) die Sachen bitte in den Griff bekommt oder gleich sein läßt. 2009 war noch Kindergeburtstag und chaotisch-lustig, 2010 war vor allem ärgerlich, nicht nur im Schleusenbereich.
Musik, ach, war ja übrigens auch noch. Allerdings mit ganz wenigen Ausnahmen durch den halligen Sound hindurch nur grob erahnbar: Zola Jesus am ersten Abend natürlich als erste große Geheimtip-Hoffnung, durch die viel zu große Bühne und das helle Licht aber offenbar ein bißchen verschreckt und den erhofften Mystik-Level leider nicht erreichend. Nach Mitternacht in einem kleinen Club aber: gerne wieder.
Nach der Mädchen-Arschwackel-Musik namens LCD Soundsystem (irgendwie hatte das doch früher mehr Wumms?) immerhin die Editors auf der Hauptbühne, routiniert mit Rammstein-ehrenhalber-Pyrotechnik die 75 Minuten ihrer Show durchziehend, live bei 3sat. Solide Sache zwar, aber die Band mutiert wahrscheinlich demnächst zu den Coldplay des Indiegoth.
Kurz vor Schluß also direkt nach nebenan zu Fever Ray: ebenfalls erwartungsgemäß viel Nebel, viel Laser, viel Geheimnis und wenig Dramaturgie bzw. Komposition, viele Songideen und Style und Effekt und Hui, aber (zu) wenig Songs im Sinne von .. nun ja – Songs.
Der erste Abend also dann doch eher unbefriedigend: viel Nettes, wenig Geiles. Der zweite hingegen fing verfrüht an und hörte noch viel verfrühter auf – dazwischen: Neon Indian mit einem 35minütigen Zusatz-Soundcheck und deswegen nur 3stückigem Auftritt (so kurz der war: immerhin angemessen psychdelisch hippie-esk und in der Kategorie „hätte toll werden können“); Gang Of Four, den Hipstern zeigend, wie man auf der Hauptbühne eine Mikrowelle zertrümmert während man völlig stoned fast eine Stunde hinter sich bringt (und, ja, DAS war jetzt ein Lob!); Soulwax/2manydjs, endlich mal die Lichtanlage richtig nutzend und als erster Act des Festivals wirklich Spaß machend; Tricky, der zwar gut loslegte mit Phil-Collins-Intro, dann aber auch eher pro forma zwischen all den Musikern auf seiner Bühne stand und eigentlich nur seinen Sixpack vorführte; und dann schließlich eben noch Boys Noize, dem Gott der Bratzung, der mittlerweile sogar noch besser als Digitalism den Extaserhythmus von ein paar tausend Menschen dirigiert. Das hatte durchaus was beeindruckendes, auch wenn man sich’s in einem kleinen, heißen, vollen Club noch angemessener vorstellen kann.
Eigentlich aber ist, leider, das meiste im Detail auch vollkommen egal, denn das Berlinfestival an sich ist in diesem Jahr vollkommen egal gewesen. Das ist schade, und wahrscheinlich werden alle auch nächstes Jahr wieder hingehen in der guten Hoffnung (die ja bekanntlich noch lang nicht totzukriegen ist), ein nichtegales Hauptstadtfestival in einer grandiosen Location zu erleben. Aber immerhin lernt man damit ja auch wieder die kleinen Clubkonzerte zu schätzen. (Frank Lachmann)
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© 2010 // Bodystyler ElectroZine //
Text:
Frank Lachmann // Foto: Martina Schröder
Homepage: BerlinFestival.de
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