Black Magick ist das neue Schwarz
Und dann ist man also plötzlich an einem Samstagabend im vierten Stock eines irgendwo in der Neuköllner Pampa stehenden Fabrikgebäudes bei einer Veranstaltung, die sich „Black Magick“ nennt und auf die man über Umwege (also die falschen bzw. richtigen Freunde, plus Facebook) erfahren hat, und auf der „irgendwelche WitchHouse-Sachen“ passieren sollen. Und WitchHouse ist schließlich der derzeitige heiße Scheiß, mit kryptischen Symbolen in Bandnamen und auf 800% gestreckt-verlangsamten Pop-Song-Remixes und okkult-eigenartigen Videoclips plus Crowley-Samples und surrealistisch-schlechtlesbaren Flyern, alles immer hübsch garniert mit Dreiecken und Kreuzen und Doom-Atmosphäre und Zeitlupe.
Und dann ertappt man sich dabei, wie einen das subversive daran total packt: daß hier nicht das Mitte-Gesindel rumhängt wie sonst überall, daß der Sound halt irgendwie mittelschlecht klingt, das aber niemanden stört, daß die Bar ein paar Bretter sind und der Wunsch nach bestimmtem Getränk mit „okay, geh’ ich schnell besorgen“ aufgenommen wird und daß auf der sogenannten Bühne gerade zwei Menschen in Ganzkörper-Skelettanzügen („Lola Loshkey“) zu eigenartigen Trance-Sounds herumturnen. Am Anfang kommt man sich dort völlig bescheuert vor, und dieses Gefühl von Bescheuertheit schlägt schnell um in so eine latente Aufbruchsstimmung, daß man gerade der Entstehung einer Szene beiwohnt, einer Szene zwar, die es anderswo schon als solche gibt, die aber in Berlin gerade die ersten Wurzeln schlägt: mit Modern Witch, eingeflogen aus irgendwo-USA, einer Dame die sich auf der Bühe wie .. nun ja, eine moderne „Hexe“ eben artikuliert. Mit Gemeine Gesteine, einem Duo, das sich musikalisch doch tatsächlich irgendwo zwischen Joy Division und Monte Cazazza, zwischen Wermut und Coil bewegt. Mit Stellar OM Source, einer kleinen Dame hinter vier Synthesizern, die in ihrer Jugend whl ein bißchen zuviel SpaceNight-Kiffervideos geschaut hat, und schließlich dann eben auch noch mit Reliq, einer vierköpfigen Doom-Synth-Kapelle, die so knüppelige, freejazzige, pandageschminkte und brutale 20 Minuten abgeliefert hat, daß man sich als alter Sack im Publikum ständig beim Gedanken „prima, daß es sowas noch gibt“ ertappte.
Und natürlich, der Kreis schließt sich: mit Douglas J. McCarthy zum Abschluß am DJ-Notebook, dem Menschen aus dem Publikum, bei dem man sich schon während des ganzen Abends fragte, woher er einem eigentlich bekannt vorkommt. Bis einem dann doch die Schuppen aus den Nitzer-Ebb-Haaren fallen und man mit einem „Heidewitzka!“-Blick ungefähr gegen drei Uhr zur nächsten Location aufbricht, wo der zweite Teil der Veranstaltung, irgendein schamanisches Ritual, stattfinden soll. Aber das ist dann endgültig nicht mehr Bodystyler-zielgruppengerecht. (Frank Lachmann)
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© 2010 // Bodystyler ElectroZine //
Text:
Frank Lachmann // Foto: Philipp Strobel
Homepage: Blackmagick
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