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Heaven 17
30.03.2010 // Colo-Saal // Aschaffenburg

 

 

 

Sweat my youth away!

Bodystyler schafft immer wieder das scheinbar Unmögliche! Kontemplative 12 Lenze nachdem sich unser Chucky mit Ian Craig Marsh im Interview einvernehmlich auf eine längst überfällige Tour geeinigt hat, präsentiert die British Electric Foundation nun erstmalig ihr Masterpiece in Version 1 auf Bühnen.

Hierfür regenerierte sie, vor 30 Jahren schon als Gegengewicht zur Musikindustrie gegründet & erheblich stringenter als z.B. PiL, die himmlische Cash Cow mit einer Frischzellenpackung exzellenter Live-Musiker. Ian indes ist der Frauenquote zum Opfer gefallen. Bleibt nur noch die Frage, ob man damit heut noch im Ü30-Segment marktfähig ist... Für unsere Spätabonnenten aus den geburtenschwachen Jahrgängen: Das Debüt-Album "Penthouse & Pavement" ist schuld an einer Sachgemengelage aus fortdauernden Folterorgien argloser Tasten im Popkontext, am Erfolg von Depeche Mode & Yazoo mittels unabgemahnter Raubkopien ihrer Akkorde, an Trends die wir hier umgangssprachlich mit Cool Britannia betiteln, an der Unsitte seine Produkte per Teleshopping vorzustellen, sowie dem Festhalten am okkultisch verklärten Glauben die Welt durch kritische Texten gerade noch vorm Untergang bewahren zu können. Kurz gesagt, Tugenden wie sie wohl momentan nur noch durch die gemeinsamen Kinder von Niels Ruf & Sahra Wagenknecht gepflegt werden.

Wir gehen trotzdem hin & wählen die denkbar härteste Station der Tour: Aschaffenburg. Das Catering besteht aus Weizenbier versus Pumpernickel & ein repräsentativer Querschnitt aller Alters- & Geschmacksdifferenzen sorgte mittels Kraft-Wärme-Kopplung oder Biogas für jenes hyperaktive blinkern an den Wänden, welches wir zunächst noch für den Check einer Jahresproduktion an LED-Tagfahrlicht hielten. Doch Martyn Ware zieht immer noch die gleiche Nummer wie in seinen Anfangstagen mit The Human League ab. Statt einem 4. Bandmitglied für visuelle Effekte gibt's heuer als Support die Best-Of B.E.F. vom Band, transzendent grell vom Light-Design-Guru Pip Rhodes in Szene gesetzt.

Die letzten 10 Sekunden des Countdowns werden kollektiv lauthals runter gezählt, dann marschierten die Veteranen stolz in Maßanzügen aus der Savile Row in die Arena & zelebrieren irgendetwas zwischen Applausentgegennahme & Begrüßung. Bayrische Empathiefähigkeit ohne Selbstaufgabe, von der Landsmann Wayne Rooney, zur gleichen Zeit im 350 km entfernten München, nix abbekommt. "(We Don't Need This) Fascist Groove Thang" ist noch immer eine Kampfansage, auch für so manche Hüfte... Die Dual-Engine des Roland-Flaggschiffes kämpfte analog eingestimmt unter Martyn's Fingern gegen die satten Motown & Soul-Einwürfe der erlesen Live-Crew an. Glenn Gregory gleicht heute einem Doppelgänger von Fester aus der Addams Family, macht abhanden gekommene Haarpracht mit unendlichem Charme & kleinen Anekdoten zu den Songs vergessen. Und über allem schwebt der patinierte Pioniergeist von Sheffield. Die A-Side vom Album durchquerte bravourös die Boxen, seniorengefährdende Inhalte von damals korrespondierten ungemein frisch mit aktuellen sozialen Realitäten. Kurze ironische Verschnaufpause zum wenden der Platte & rasch noch ein paar Produktionshighlights der "Music Of Quality & Distinction" eingeschoben. Quotenlady Billie Godfrey gab eine Neuauflage von "Ball Of Confusion", jenem Track mit dem Martyn in den Eighties eine Tina Turner auf den zweiten musikalischen Bildungsweg schickte. Schade dass Frau Godfrey damals noch Erbgut war, sie hätte Tina locker lächelnd aus dem Recall verbannt! Der Sound ist satt, die Band indes noch hungrig wie am ersten Tag.

Glenn schnappt sich eine akustische Gitarre & erweckt doch mit seiner Version des popkulturellen Depressiönchens "Perfect Day" tatsächlich die letzten Reserven jener, welche erst seit dem Trainspotting-Streifen auf die Band aufmerksam wurden. Weiter geht’s mit den "Geisha Boys & Temple Girls" von der Penthouse Side. Die pedantische Reihenfolge der Tracks lässt Erinnerungen plastisch wiederauferstehen & spätestens als mit "We're Going To Live For A Very Long Time" das Ende absehbar war, wollte weiß Gott niemand diese alten Jünger freiwillig von der Bühne lassen. Ein Schicksal was sie von manch anderen Protagonisten jener Tage trennt. Vielleicht ginge es ja auch der Musikindustrie heute viel besser, wenn jedes Album eine durchschnittliche Reifezeit wie man sie sonst nur von Whisky- oder Sherry-Sorten kennt durchleben müsste... Aus ihrer Sozialisierung in der Punk-Scene haben sie trotz edler Beinkleider nie einen Hehl gemacht & so wird die erste Zugabe, als Lieblingslied aus alkoholisierten Nächten angekündigt, ein Buzzcocks-Cover auf Synthese.

Und ratz fatz wird dann nochmal die Stimmung mit den Chart-Singles des Nachfolgealbums hochgekocht bis Juniordrummer Joel Farland Probleme mit den Hi-Hats bekommt & die Band "Let Me Go" fleht. Für den kurzen Aussetzer muss Joel als Strafe eine grässlich gelbe Perücke zu seinem Adam-Ant-Gedächtnis-Make-Up tragen & dann kommt er endlich, der Soundtrack unserer noch Testosteron geschwängerten Jugendtage. "Temptation"! Mit extended Intro inklusive High-Energy & Jimi Somerville Anklängen. Das Herz pumpt, Billie schnappt sich Kameras aus der ersten Reihe, filmt sich selbst auf der Bühne & Glenn dirigiert majestätisch die Massen. Genau - nimm den besten Orgasmus, den du je hattest, nimm in mal 1000 & du bist noch nicht nah dran… Mehr geht nicht, glaubte man & doch wurde aus den Huldigungen noch nahtlos ein humanoides Percussion-Set aus tausend Händen für Martyn’s Steadyseller "Being Boiled", welcher als Krönung in runderneuertem Technokleid die Zeitreise beendete.

Mal abwarten, wie lange es noch dauert, bis Chucky sie zu einer zweiten Tour überredet hat... ich geh derweil in den Keller, entstaube den ollen Walkman & versuche mir die musikalische Gegenwart noch eine Weile vom Hals zu halten. (Ivo Klassmann)


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© 2010 // Bodystyler ElectroZine
Homepage: Heaven17.com

Dieser Bericht auch in: Bodystyler Print #36 »

Photos: © 2010 Ivo Klassmann // Bodystyler-Online.de // ElectroZine.net
Photos: © 2010 Ivo Klassmann // Bodystyler-Online.de // ElectroZine.net
 
 
 
 


 
 
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