ür die Geographie-Unkundigen wollen wir also zunächst kurz erklären, wo Sandersleben liegt. Dieses beschauliche Örtchen versteckt sich –ehrlich! - im Sachsen- Anhaltinischen Nirgendwo. Vom Nabel der Welt kann man wirklich nicht sprechen. Wohl aber vom Zentrum des EBM, und zwar einmal jährlich im Sommer: dann findet sich die „elektronische Familie“ zusammen, um drei Tage lang die Musik, sich selbst und das Leben zu feiern. Dafür braucht es keine Metropole, keine bekannten Clubs oder mit High-Tech ausgerüstete Bühnen. Ein Sportplatz, zum Zeltplatz umfunktioniert, ein paar Sportlerduschen (für die Kerls nur kaltes Wasser!), von der lokalen Freiwilligen Feuerwehr liebevoll betriebene Verpflegungsstände und eine mittelgroße Dorfbühne reichten auch in 2011, um die ca. 6oo Besucher ein ganzes langes Wochenende lang glücklich zu machen.

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EiJa, so schön und einfach kann das Leben manchmal sein! Drum sieht man auch auffällig viele fröhliche und gut gelaunte Gesichter, sobald man sich unter die Anwesenden mischt. Und selbst wir skeptische Großstädter, durch Anreisestau und Schlechtwetterprognose nicht gerade bestens gelaunt, mussten und durften uns dieser Stimmung schnell ergeben.
Denn schon am Donnerstagabend ging die Sause los: mit HUMAN R3SOURCE (Deutschland) und THE LOVE DICTATORS (Montenegro/Deutschland) eröffneten zwei Bands, die zwar weniger bekannt, aber nicht weniger Party-erfahren sind. Insbesondere letztere wussten durch spektakuläre Russen-Outfits und Bass-lastigen La-La-Pop, untersetzt mit EBM- und Scooter-Anklängen (Selbstauskunft: „Soviet- flavoured Eurodance Music“), zu begeistern. Und die anschließende Party mit den DJs WHIP, VOLTAGE, U-MEN (alle Italien) und PARADROID (Electrofixx, Münster, Zwischenfall, Bochum, Kultkeller, Duisburg) schuf den Feierrahmen für das nun folgende Wochenende.
Dieses begann am Freitag mit BLOOD SHOT EYES (Italien) und der STOCKHOLM WRECKING CREW (Schweden). Erstere hatten mit zunächst noch lichten Zuschauerreihen zu kämpfen, aber schon bei den verrückten Schweden ging es gut ab vor der Bühne. Und spätestens als die beiden JÄGER 90 (Deutschland) auf der Bühne standen, war die Familienfeier in vollem Gange. Thoralf und Vigo präsentierten einiges Songmaterial vom neuen Album „Fleisch macht böse“ sowie eine ganze Reihe alter Songs. Tontechnisch war der Auftritt zwar leider ein kleiner Reinfall, was schade für die beiden Jungs war, das Publikum aber nicht im Geringsten zu stören schien. Die Feierei war in vollem Gange und ein Zurück gab es nicht mehr – außer natürlich im musikalischen Sinne. Denn mit IONIC VISION (Belgien) und PLASTIC NOISE EXPERIENCE (Deutschland) gab es im Verlauf des Abends zwei wirkliche Kultbands des EBM auf die Ohren, die über zusammengenommen mehr als 40 Jahre Bühnenerfahrung verfügen dürften. Und insbesondere Claus Kruse, Frontmann von PLASTIC NOISE EXPERIENCE, legte mit seinen Mannen eine spektakuläre Performance hin: neben den eigenen Songs wurden, bei bestem Sound und Hingucker-Videoshow, auch Cover von THE KLINIK, PARACONT und BRONSKI BEAT abgefeiert.
Von diesem Hit-Feuerwerk ganz erledigt, konnten wir dem Auftritt von PAGE12 (Deutschland) leider keinen großen Tribut zollen. Aber mit FORCED MOVEMENT (Deutschland) gab es dann noch einmal ganz großes Kino! Mit der "FORCED TO MODE"-Show wurde eine stimmlich beinahe perfekte Dave Gahan- Kopie- Show präsentiert. Hier war nicht irgendeine Depeche Mode Cover-Band zugange: Ich hörte Leute sagen, diese Band sei beinahe besser als das Original gewesen. Die nunmehr emotionale Atmosphäre ließ auch den härtesten „Brikettkopf“ weich werden und selbst die Band konnte das Ausmaß an Begeisterung kaum fassen. Dem Sänger sah man an, dass er perplex ob der in dieser Form wohl nicht erwarteten, positiven Reaktion des Publikums war. Aber spätestens bei der Aftershow-Party mit den DJs LAZER-STEFAN (Schweden), ANHALT MACHINERY, RUDI RÜPEL und AUGUST DER STARKE (alle Deutschland) ging es dann wieder wie gewohnt zur Sache und es wurde auch in den dritten Festivaltag rabiat hinein gefeiert.
Bei mittlerweile gefühltem Winterwetter begann dieser sportlich: zunächst wurden das alljährliche Fußballspiel und der zur liebevollen Tradition gewordene „Sanderslebener Kornlauf“ ausgetragen, bevor es auch musikalisch wieder jede Menge auf die Zwölf gab.
Mit BODYSTYLER (Deutschland) bat der musikalische Namensvetter unseres ehrenwerten Magazins als eine der ersten Bands am Samstag zum Tanz. TECH NOMADER (Spanien), NORDARR (Deutschland) und SEQUENZ-E (Deutschland) folgten mit ihren jeweiligen Versionen von Old- School- EBM, ehe mit dem PRAGER HANDGRIFF (Deutschland) die erste namhafte Kombo des Tages eine größere Zuschauermenge versammeln konnte. Die Ruhrpottler ließen auf der Sanderslebener Bühne die 90er Jahre wieder auferstehen, als sie eine Werkschau ihres gut zwanzigjährigen Schaffens zum Besten gaben. Die folgenden COINSIDE (Deutschland) überraschten mit ihrem stark an CALVA Y NADA angelegten Sound, ehe sich mit RUMMELSNUFF (Deutschland) unbestreitbar ein weiterer Festival-Höhepunkt näherte. Der Käpt´n delegierte eine Parade aus elektronischen und Seemannsliedern, begleitet von schnieken Videos und urigen Fan-Ansprachen zwischen den einzelnen Songs. SPETSNAZ (Schweden) folgten mit ihrer gewohnt soliden Performance und einem wahren Hit-Feuerwerk („Apathy“, „On the edge“, „Hardcore Hooligans“, „Allegiance“). Pontus und Stefan hatten sichtlich Spaß, mit den Fans zu feiern und nutzten auch die Gelegenheit, zwei neue Stücke zu präsentieren. Und gerade weil die Schweden so sehr das repräsentierten, was an diesem Wochenende gefeiert wurde, EBM nämlich, hatten es die nächsten Künstler nicht gerade leicht, die Stimmung hochzuhalten. THE ETERNAL AFFLICT (Deutschland) mögen zwar eine Kultband aus dem Dark- und Electro Wave- Umfeld sein, passten aber einfach nicht ins Line- Up dieses ansonsten recht geradlinig ausgerichteten Festivals. Leider schien auch die Band selbst sich von diesem Eindruck verunsichern zu lassen und so kann der Auftritt sicher bestenfalls mit einem „stets bemüht“ bewertet werden. Da man mittlerweile gute zwei Stunden im Zeitplan hinterher hing (der einzige echte Kritikpunkt dieses Festivals, der sowohl den Zuschauern, als auch Headliner- Bands und Aftershow- DJs einiges an Geduld abverlangte) hatten sich auch die Zuschauerreihen mittlerweile leicht gelichtet. Aber jeder hat etwas verpasst, der es nicht bis zum finalen Auftritt des Festivals ausgehalten hat: PORTION CONTROL (Großbritannien) lieferten nach Meinung vieler das beste Konzert des gesamten Wochenendes ab. Mit wuchtigen Bässen und komplexer Rhythmik versehen, wurde vor allem Songmaterial der beiden letzten Alben „Crop“ und „Violently Alive“ präsentiert. Die alten Herren haben es halt immer noch drauf und zeigten, dass man auch mit einer „Fünf“ vorne noch ordentlich ballern kann.
Und auch zur Aftershow-Party mit den DJs Drill, Puppe und Matze (alle Deutschland) wurde dann noch einmal alles gegeben. Mit Old-School-Electro vom Feinsten fand das 2011- er Familientreffen im Diskozelt seinen würdigen Abschluss.
Den Veranstaltern EBM-Elite Sandersleben und Electric Tremor Dessau gebühren Lob und Respekt für die Organisation dieses Festival-Kleinods! Wir sehen uns im Sommer 2012! //

Homepage: Familientreffen.electric-tremor.org/
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