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Nouvelle Vague

24.01.2011 -
Frankfurt/M., Mousonturm / 28.01.2011 - Berlin, Huxleys': Je veux être un ours polaire, ou producteur de musique!

"Du und ich, wir lieben Dich und wissen wohl warum. Wegen der Tiefenwirkung" — Mit solch flotten Sprüchen verführte die Seifen- & Parfümfabrik Mouson auch deine Mutti noch bis Mitte der 70er zum Erwerb ihrer Wohlfühlprodukte. Danach wurde hier alles geschliffen und Mainhattan‘s erster Wolkenkratzer in einen anspruchsvollen Kulturbetrieb umgewandelt.
 
Texte & Fotos: Ivo Klassmann / The Bert //    
 
Zu Tigerschlüppis trägt Frau noch immer Einkaufsnetze am Bein "Wer nicht mitklatscht, fliegt raus!"
 
 

llerdings findet Mutti ihre Creme von damals noch immer beim Drogerie-Discounter um die Ecke. Die Marke übernahm ein französischer Konzern, der seitdem von sich selbst behauptet: „Weil ich es mir Wert bin“. Claims, wie geschaffen für die heutige Fügung aus Location, Act & dem putzigen Drittelmix von Publikum. Gestandene Waver und Au-pair-Mädchen oder Kursbeleger des Institut français teilen sich das Haus mit reichlich Elite-Partnern im real life.

Letztere unterliegen auch dem Irrtum, beim Support-Act Fallulah handele es sich um durchaus Förderungswürdige aus dem Brennpunkt Gallusviertel, und verpassen mit Prosecco im Foyer die kleine Meerjungfrau Maria Apetri. Die wirkte wie ein folklastigeres, sehr viel ausgeschlafeneres Fräuleinwunder als z.B. Lena Nationale und erzählte mit großen Augen aus „The Black Cat Neighbourhood“. Spätestens mit „I Lay My Head“ hatte sie alle auf ihre Seite gebracht, kann aber auch sein, das sie die andächtige Aufmerksamkeit nur den zwo blonden Hünen an ihrer Seite verdankte. Keine Ahnung, warum bei Nouvelle Vague-Konzerten der Frauenanteil vor der Bühne immer bei mindestens 70 % liegt… Maria jedenfalls wollte es den großen französischen Schwestern abschließend noch gleichtun, ließ die Haare zu einem hingehauchten Johnny Cash-Cover fliegen, krönte sich mittels Tamburin selbst und bedankte sich artig für den Applaus. Inzwischen ist es subtropisch warm, doch an Getränkenachschub war während der halbstündigen Umbaupause im proppevollen Saal nicht mehr zu denken. Und irgendwann hörte das undefinierbare Motown-Geduddel vom Band endlich auf.

Olivier Libaux und Marc Collin schlendern im halbdunkel entspannt auf die Bühne, mit dabei Mathieu Gayout, der heut Abend jedem klar macht, warum der Franzose sein Schlagzeug Batterie nennt und dann folgt schon Überraschung Nummer 1.: Statt dem hölzernen Landadel gibt‘s heute die elektrische Version vom Bass, vollends besessen gespielt von einem Bärtigen in knallroten Performance-Sneakern. Süddeutschland hat am Mikro, statt Mareva Galanter, Mélanie Pain. Jene war es, die seit dem ersten Album mit ihrem Lolita-Timbre alle Kritiker einer „Coverband“ um den kleinen Finger wickelte und statt Genörgel feuchte Träume verursachte.

Mit „Je suis déjà partie“ vom neuen Album fühlen sich die Connaisseure des Midtempo im Saal noch auf der sicheren Seite, doch dann kommt Nadeah Miranda. Chucks statt Pumps, abgebrühter Humor und eine Aura, als würde sie die Kerle reihenweise flachlegen. Ab jetzt ging’s exzessiv durch die besten Klassiker der ersten 3 Alben, eine Mixtur, die man beileibe nicht mehr großartig beschreiben muss und mit der man in den wesentlichen Lebenslagen nur richtig liegen kann.

Der Rest ist wie ein Defibrillator in Pailletten, opulentes Varieté & fette Bassläufe als Fleur de Sel in der Suppe. Es fliegen die Mikrokabel durch die Luft, die Kleidchen werden nicht nervös nach unten gezuppelt und inzwischen ist auch nicht mehr auszumachen, wer von den Beiden nun „Master & Servant“ ist. Die zweideutige Direktheit der alten Texte kommt ungefiltert, beinahe so, als ob es im Backstage noch Restbestände des hier früher produzierten Erotique-Spray gegeben hätte.

Das Publikum wird stets mit einbezogen, jeder Song kommentiert, jenes Handy-Video von „Mala Vida“, dass während einer 9-stündigen Zwangspause auf dem Pariser Flughafen entstand und auf Anhieb 50.000 Clicks hatte, auch das „Oublions L‘Amérique“ allein schon darin seine Berechtigung findet, weil Chucks inzwischen nur noch aus China kommen. Die heutige Version davon ist gigantisch treibend und der erste Höhepunkt des Abends. Wer hätte das gedacht. Und nichts an dieser Party läuft wie geplant.

Da werden Intros verlängert, um die Damen zu foppen, spontane Soli reingegrätscht & die bisher nur an einer Tasse Tee nippende Nadeah läuft bei „Too Drunk to Fuck“ zu schauspielerischer Hochform in Sachen Promilleverkörperung auf. Das etwas steife Publikum wird mittels angetäuschtem Stagediving & einer Runde hemmungslosem Körperkontakt von ihr auf Betriebstemperatur gebracht. Lounge & Bossa Nova geht wahrscheinlich anders.

Die beiden Herren Produzenten sind indes immer noch ganz lässig und beobachten das Treiben mit süffisantem Lächeln. Ihr nächster Clou heißt Dea Li. Eine in Frankfurt beheimatete Sängerin, welche Marc inzwischen ebenso produziert, versucht sich an „Bela Lugosi‘s Dead“. Die Performance liegt weit hinter dem, was Liset Alea schon als Messlatte vorgelegt hat und hinterlässt den Eindruck, als wäre dies ein Schubs ins kalte Wasser für die Stimme von U96‘s „Heaven“ gewesen. Dafür lässt Nadeah mit ihrer Version von „So Young But So Cold“ den guten Charlie Winston verdammt alt aussehen und Mélanie bringt bei den vom allgegenwärtigem Punk'n'Sex Verstörten mit dem „Eisbär“ wieder die Verzückung zurück und dirigiert charmant den Chor derer, die endlich auch mal mitgrölen wollen. Obendrauf noch „Marian“ als Krönung mit deutschem Refrain, von der inzwischen aufgelockerten Dea Li.

So hat sich das Andrew Eldritch sicher immer gewünscht, auch wenn der 20 Jahre lang weder Platten noch Konzerte in Frankreich zuließ. Nach knapp zwei Stunden beschließt anmutig „I Melt With You“, Nadeah nimmt’s wörtlich und herzt zum Abschied jeden, den sie greifen kann. Es erinnert ein wenig an eine der letzten große Kampagnen aus diesem Hause, welche die Brigitte damals sich nicht zu drucken wagte: „An seiner Zärtlichkeit erkennen Sie Intim-Mouson“. (Ivo Klassmann)


28.01.2011 - Berlin, Huxleys

Bevor ich zum Konzert komme, muss ich erst mal was übers Rotwein schlürfende, Sonntags brunchende, vom Studium labernde Publikum loswerden. Man soll ja nicht alle Studenten über einen Kamm scheren, es gibt halt solche und solche. Und das waren genau Solche. Ich kam mir vor wie ein Proll, weil ich keinen Westowa und kariertes Hemd an hatte. Die Stimmung von diesen Leuten war in ihrem Klientel bestimmt ausgelassen. Langweilig war`s für mich trotzdem.

So kommen wir nun zum erfreulichen Teil: die Band: Marc Collin und Olivier Libaux haben sich einen Drummer und Bassisten eingekauft, zwei Sängerinnen eingeladen und los gings. Als erstes „Master and Servant“ (ohne Martin Gore!), vorgetragen von Mareva. Tolle Stimme!

Die Songs waren gut arrangiert und live umgesetzt. Dann kam Nadeah, die zweite Singdrossel an diesem Abend. Sie sang „Ever fallen in Love“ (The Buzzcocks). So wurde uns ein gutes Gemisch von all ihren Alben präsentiert wie zum Beispiel: „Human fly“ (Cramps), „Guns of brixton“ (Clash), „Just can`t get enough“ (Depeche Mode). Nach „Love will tear us apart“ war erstmal Schluss. Nach tobenden Aplauss ließen sie sich nicht lange bitten und kamen zurück mit „Bela lugosi´s dead“ (Bauhaus). Mein altes Gruftieherz sprang im Takt mit, die meisten im Publikum konnten mit dem Song wenig anfangen.
Danach wurde meine Punk-Vergangenheit wiederbelebt mit „This is not a love song“. Einfach großartig so an seine Jugend erinnert zu werden. Zum Abschluss hauchte uns Nadeah „In a manner of speaking“ (Tuxedomoon) ins Ohr. Eine sehr einfühlsame Version, die den hervorragenden Abend ausklingen ließ. (The Bert)

Homepage: Myspace.com/NouvelleVague



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Eisbär sein wollen, aber kuschel-Westover tragen: Melanie
 
 
Maria - Fallulah: „Egon Olsens‘ Enkelin“
 
 
 
Olivier Libaux: Lieber auf nem Plektrum kauen als auf Frankfurter Würstchen
 
 
Marc trägt heute seinen Iro zwischen Kinn & Nase
 
 
 
 
 
 
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