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Front Line Assembly

"Jeder kreative Mensch ist eine gequälte Seele!"


So primitiv sich die Menschheit im Alltag auch gibt, täglich entwickelt sie neue und kaum noch begreifbare Methoden der Selbstzerstörung. Frei nach dem Motto: Wenn wir dem Ende schon entgegen segeln, dann bitte auf höchstem Niveau. Front Line Assembly begleiten diese Szenerie seit 1986 offiziell, als die ersten beiden Tapes der Industrial Formation erschienen.

 
Interview: Manfred Thomaser // © 2010
 
Wer verbirgt sich wirklich hinter der Maske des Bill Leeb (r.)? Ein Aufklärungsversuch hier »
 
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»Wer mit Bill Leeb arbeiten will, sollte am besten sehr viel Schokolade mit ins Studio bringen!«
Bill Leeb über Bill Leeb
 
 
 
 
 
 
Front Line Assembly
"Shifting Through The Lens"

Single, VÖ: 28.05., Dependent Front Line Assembly bieten auf den 3 Titeln der Maxi fast die gesamte stilistische Streubreite, durch die sie zu absoluten Pionieren der Electro-Szene geworden sind. Der Titeltrack „Shifting through the lens“ lässt hymnenhafte Melodik mit modernen New Beat-Elementen flirten, so wie es auf ihrem „Tactical neural implant“-Album zelebriert wurde. Das Stück „Angriff“ beginnt sehr ruhig und atmosphärisch und verleitet dann schlagartig durch seine brachialen Gitarrensamples, Breaks und einen Hammer-Refrain zum sofortigen Mitsingen und Fäuste gen Himmel recken. Hier zieht sich der Faden von der „Hard Wired“ bis zum letzten Werk „Artificial Soldier“. Der Abschluss bildet das instrumentale „Endless Void“, das an ihre Anfangstage Ende der 80er erinnert und in einem Albumkontext sicher besser aufgehoben wäre. Ein gelungener Vorgeschmack auf den neuen Longplayer, der am 25.06. veröffentlicht wird. (Spider)

 
 
Front Line Assembly
"Improvised Electronic Device"

Album, VÖ: 25.06., Dependent In der Endzeit angekommen, betrat ich den Raum der Kartenspieler. Jener Männer also, deren Spielsucht die finale Zerstörung mehr als nur eingeleitet hatte. Hochkonzentriert spielten sie eine Runde nach der anderen, während draußen alles starb. Plötzlich steh ich am CD-Spieler und lege das neue FLA-Album ein: „Improvised Electronic Device”. Nichts wird sich ändern, nur wohler ist mir ums Herz. Der Niedergang wird vom passenden Sound begleitet. Und 2010 klingen FLA hart wie lange nicht mehr. Ihre Alben “Millennium” und “Hard Wired” drängen sich als Vergleich auf, den Einsatz von synthetischen Sounds und knüppelnden Gitarren aber vermischen Bill Leeb & Co. intensiver als zuvor. Neben Skinny Puppy ist ihr Industrial der einzige Grund, warum man anwesend sein sollte, wenn das letzte Blatt ausgeteilt wird. (Manfred Thomaser)

 
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Myspace.com/TheFrontlineAssembly
Mindphaser.com
Dependent.de
 
 
 
 
 

Ihre visionäre, emotional um sich greifende und aggressive Welt der Klänge beschreibt den Weg ins Finale, in dem das alles entscheidende Eigentor die letzten Sekunden der Menschheit beschließt. FLA sind der Soundtrack zum Untergang, dem man zwischen traumhaften Melodien und knüppelnder Rhythmik entgegen sieht. Ihr neustes Werk, "Improvised Electronic Device", ist das härteste seit langer Zeit. Ein Gespräch mit Bill Leeb!

Bodystyler:
"Improvised Electronic Device" setzt dort an, wo sein Vorgänger, “Artificial Soldier” (2006) aufhörte. Das Klangbild ist vergleichbar, 2010 aber wesentlich härter. Ist dies reiner Zufall oder das Ergebnis eines langfristig angesetzten Plans?
Bill Leeb: “Artificial Soldier” entstand auf einem zumindest teilweise sehr experimentellen Spielfeld. Dies ergab sich allein schon durch die neuen Bandmitglieder Jeremy und Jared. Beide brachten ihre Ideen in die Kompositionen ein, die Rhys Fulber, Chris Peterson und ich lieferten. Es gab eine Vielzahl an Ideen, FLA gestaltete sich zu einem neuen Gebilde. In dieser Zeit hatten vielleicht zu viele Personen Einfluss auf die Kompositionen, d.h. nicht jeder wird mit den jeweiligen Resultaten zufrieden gewesen sein. Wir mussten also einen Weg finden, das nächste Album gemeinsam anzupacken. Und von da an fiel die gemeinsame Arbeit wesentlich leichter. Planen aber lässt sich so etwas nicht. Kreativität geht immer und überall einen eigenwilligen Weg. Man weiß nie wo man landet, bevor man nicht angekommen ist.

Bodystyler: Wut hat sehr unterschiedliche Gesichter. Sie kann kontrolliert erscheinen, wie auf  “Epitaph” (2001) und “Civilization” (2004) oder aber wild um sich schlagen wie auf “Millennium” (1994) und “Hard Wired” (1995). Die beiden letztgenannten Alben erscheinen mir neben “Artificial Soldier” am besten geeignet, um die grundlegenden Elemente des neuen Albums zu beschreiben.
Bill Leeb: Das neue Album enthält für uns die besten Elemente, aus denen sich FLA zusammensetzt. Aber "Improvised Electronic Device" geht aufgrund des Mitwirkens der neuen Bandmitglieder gleichzeitig auch darüber hinaus. Jeremy und Jared stehen definitiv auf die härtere Seite von FLA. Hinzu kommt, dass die neuen Songtexte die wohl persönlichsten sind, die ich je geschrieben habe. In den zurückliegenden Jahren habe ich mich vielleicht nicht getraut, mein Innenleben derart nach außen zu kehren. Und mit der sich stetig verändernden Realität verschiebt sich auch der Wutpegel.

Bodystyler: Welche Ausmaße nimmt dieser bei den Album-Tracks “I.E.D.”, “Shifting Through The Lens” und “Pressure Wave” ein?
Bill Leeb: “I.E.D.” ist ein Anti-Kriegs-Song mit dem grundlegenden Gedanken: Für wen oder was sterben wir hier eigentlich? Warum soll ein Durchschnittstyp mit einem Durchschnittseinkommen den Krieg der Reichen führen?
“Pressure Wave” beschreibt die Zerstörung unseres Planeten durch Industrie und Krieg. Hervorgerufen wird sie von Regierungen, die sich einen Dreck um den Erhalt des Lebens scheren. Unglücklicherweise haben sich Habgier und Betrug durchgesetzt. Aber lasst uns nicht drum herum reden: Menschen sprechen darüber, Menschen machen mit Filmen darauf aufmerksam, … so oder so wird es passieren. Eines Tages verursacht irgendjemand die noch größere Katastrophe. Und wir sollten alle hoffen, dass es überall nur nicht in unserem Hinterhof passiert.
„Shifting Through The Lens“ beschreibt eine Person, die ihre Identität verloren hat, weil alles nur noch eine Fälschung ist. Die Realität ist so oberflächlich wie ihre Stars. Als würde man in die Rolle eines Perversen schlüpfen, der unsere Zivilisation durch ein Schlüsselloch betrachtet, und dabei bemüht ist, sich ein Stück des eigenen Wahnsinns zu bewahren, während die Gesellschaft ein Projekt der Züchtigung startet.

Bodystyler: Im Lauf der bisherigen FLA-Historie gab es immer wieder Phasen in denen Du gesagt hast, das aktuelle Album könnte auch das letzte sein. Für die Fans war das vermutlich die einzig wahre Vorstellung der Apokalypse.
Bill Leeb: Ich glaube, jeder kreative Mensch ist eine gequälte Seele. Und niemand kann vorhersehen, welche Wege Kreativität geht. Wir haben mit FLA immer versucht, den perfekten Song zu schreiben. Und mittlerweile glaube ich an die Unmöglichkeit, diesen Wunsch umzusetzen, da sich Musik immer und immer weiter entwickeln wird. Deshalb ist es unmöglich, den perfekten Song zu schreiben. Es wird immer etwas anderes geben. Aber wenn man einmal damit angefangen hat, lässt es einen nicht mehr los. Wir werden Songs schreiben, wohin auch immer die Reise führt. Niemand kann sagen, wie sich das Leben auf diesem Planeten grundsätzlich entwickelt. Und ich kann nicht ausschließen, dass wir so wie jetzt auch zukünftig auf diese Entwicklung reagieren … Die meisten Songs, die weltweit geschrieben werden, sind eine Reaktion auf die Umwelt. Entsprechend darf man nichts ausschließen und sollte immer und überall die Augen offen halten.

Bodystyler: Ebenso wie Skinny Puppy haben FLA die Industriel-Szene deutlich geprägt. Gleichzeitig ist es euch gelungen keine Klichees zu bedienen. Eure Konzerte leben beispielsweise nicht nur von der Härte und euren Endzeitvisionen sondern auch vom Spaß an der Bühnenarbeit.
Bill Leeb: Kein Konzert gleicht dem anderen. Jede Nacht erlebt man auf der Bühne etwas anderes, weil weder das Publikum noch man selbst in der Stimmung des Vorabends ist. Auch jeder Club und ebenso jede Bühne ist anders. In so weit ist jedes Konzert mit dem Wetter vergleichbar. Auch das kann sich plötzlich ändern. Und jedes Land, jedes Publikum reagiert anders auf eine Band. Das wirkt sich natürlich auch auf die Musiker aus. Es ist sehr wichtig, darüber den Spaß nicht zu vergessen. Als Musiker solltest Du dem Anspruch gerecht werden, dem Publikum etwas zu bieten. Schließlich nehmen sich die Leute die Zeit, dich zu sehen. So lange ich glaube, diesem Anspruch gerecht zu werden, so lange werde ich hoffentlich auf der Bühne stehen.

Bodystyler: FLA ist von Beginn an stets Bill Leeb gewesen. Hinzu kamen weitere Fixpunkte wie Rhys Fulber und Chris Peterson, die mal dabei und dann wieder nicht dabei waren, um später zurück zu kehren.
Bill Leeb: FLA ist geprägt von einer Politik der offenen Türen. Egal ob es sich um Rhys, Chris, Michael, Jared und Jeremy oder andere handelt: wer immer die Motivation verspürt, einen Beitrag zu FLA leisten zu können, der soll sich melden. Jeder wird feststellen, dass es keine übergeordnete Kontrollfunktion im Studio gibt. Es geht immer und überall nur um die Songs und um die Zustimmung der beteiligten Musiker. Im Vorfeld sollte man aber eines bedenken: Wer mit Bill Leeb arbeiten will, der bringt am besten sehr viel Schokolade mit ins Studio.

Bodystyler: Neben FLA betreibst Du seit vielen Jahren weitere Projekte, z.B. Delerium und  Noise Unit. Gibt es Neues von diesen Bands zu verkünden?
Bill Leeb: Wir arbeiten an einem neuen Delerium Album. Dieses wird wesentlich elektronischer ausfallen und weniger massetauglich sein als die beiden vorangegangenen Scheiben. Parallel schwirren auch sehr viele neue Noise Unit Songs umher, ebenfalls sehr viel elektronischer als zuletzt. Hinzu kommt ein neues Projekt namens Circle Of Doom, an dem ich mit Jared arbeite. Vermutlich wird sich Jeremy dieser Idee anschließen. Haltet also die Augen auf …


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© 2010 // Bodystyler ElectroZine
Homepage: Myspace.com/TheFrontlineAssembly

Front Line Assembly in: Bodystyler Print #36 »

 

 
 
 
 
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