100 Blumen

"Wichtig ist die Eigenständigkeit deiner Musik – den x-ten 'uffta uffta-Klon' braucht kein Mensch!
"

Ohrenschmalz, Penisse, Kuchen, Hippies und Blumen ... in diesem Interview bleibt kein Thema unberührt (also theoretisch). Was das dann alles auch noch mit Bonnie Tyler und Rammstein zu tun hat? Lest selbst! 100Blumen haben sich, wie schon viele vor ihnen, der Herausforderung gestellt und sich mit uns auf ein Gespräch eingelassen. Die Ergebnisse sind schockierend wie Frauentausch und informativ wie die Tagesschau ...
 
Interview: Frank Bentert //   
 

"Mit Rhyhtmic Noise gibt es nichts zu verdienen" sagt dem 100 Blumen sein Marcel

 



 
 

»Die meisten Leute wissen es nicht, aber ich forme manchmal kleine Plastiken aus Ohrenschmalz, zeichne gerne Penisse und sprühe dazu Gedichtverse von Erich Mühsam an Polizeiwachen!«

100 Blumen
 
 
 

 

100 BLUMEN
"Surveillance"
Marcel van Blumen gehört, meiner Meinung nach, zu den musikalisch eindeutig prall gefüllteren Wundertüten. Mit Aussagen à la „klingt wie ...“ hat man bei dessen Machwerken seit je her pauschal verloren und das „Kenn-ich-schon-Gefühl“ will auch nie so recht aufkommen, egal, wie oft man am Repeat-Knopf rummacht. Also steht man mit dem neuen Album wieder mal nackig im Wald und wartet auf Erleuchtung. Eines wird allerdings dennoch ziemlich schnell deutlich, waren die vorherigen Veröffentlichungen stets von bedrohlicher Atmosphäre und harter Gangart geprägt, scheint mit Surveillance nun eher der musikalische Frühling Einzug zu halten. Zwar werden dunkle und schwerwiegende Grundsätze prinzipiell gewahrt, dennoch überwiegt in Summe der Eindruck, dass die Prioritäten auf Vielseitigkeit und Frische liegen. Geradezu lieblich und verspielt wirken einige der Stücke und geben dem Album eine sehr zeitgemäße Note, denn monotones Zack-Bumm-Krach war ja gestern. Wahrscheinlich wird Surveillance für viele Anhänger der Brachialakustik keine Liebe auf den ersten Hördurchgang sein aber das Album hat absolutes Dauerschleifenpotential und passt wunderbar in jede anspruchsvolle Musiksammlung! (Frank Bentert)




Pünktlich zum Frühlingsbeginn 2011 lässt das Düsseldorfer Projekt 100BLUMEN auf der Spielwiese ant-zen sein neues Album spriessen. Die frühere One-Man-Show ist mittlerweile zum Duo der „Blumenkinder“ Marcel und Chris erblüht und der Zuwachs bringt noch mehr musikalische Vielseitigkeit in den bunten Strauß der neun Albumtracks ein. Von Industrial über Punk, von Ambient bis Noise: von allem ein wenig und das gut gemixt scheint die Devise. Und damit will man nicht zu hoch hinaus: „Surveillance“ ist eine solide produzierte Platte, deren Anspruch es ist, musikalisch nicht eingeschränkte Lauscher zu erreichen. Szenegrenzen waren gestern – 100BLUMEN beweisen, dass es erst dann wirklich interessant wird, wenn man sich über diese gekonnt hinwegzusetzen vermag. (Pippi von Schnippi)
VÖ: 27.05.11 // Ant-Zen

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

eshalb verzichtest Du, bei all der politischen Motivation, die Dir gerne nachgesagt wird, in Deiner Musik auf sprachliche Unterstützung um diese direkt zu vermitteln?


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100 Blumen sein Marcel: Das haben wir doch, ich sage jetzt mal wir, ich bin ja jetzt seit fast 2 Jahren mit dem Chris unterwegs.

BODYSTYLER: Okay, dann wollen wir den Chris natürlich nicht außen vor lassen. Also, weshalb verzichtet Ihr, bei all der politischen Motivation, die Dir gerne nachgesagt wird, in Eurer Musik auf sprachliche Unterstützung um diese direkt zu vermitteln?
Marcel: Auf früheren Veröffentlichungen haben wir das schon gemacht in Form von Samples und/oder Voice Samples (z.B. Auf der „floral annihilation“) oder mit Gesang wie auf der „I LOVE VIOLENCE“ Single die letztes Jahr erschien. Wieso wir das bei der „SURVEILLANCE“ nicht gemacht haben, weiß ich auch nicht so genau. So ganz stimmt das natürlich auch nicht, eines der zwei Bonuslieder ist mit Gesang. Das Stück heißt „a poem“ und handelt von einer wahren Begebenheit mit englischen Nazipunks Anfang der 90er Jahre, das war echt gruselig mit den Arschlöchern. Wer wissen will was wir da singen soll sich die Platte kaufen (lacht)!
BODYSTYLER: Gut, ist gebongt! Besteht für Dich denn eine grundsätzliche Verpflichtung darin, die Musik kontinuierlich weiterzuentwickeln und Dich nicht in feste normen pressen zu lassen? Oder ist das ein automatischer Prozess, dadurch bedingt, dass sich in der Zeit, die zwischen neuen Veröffentlichungen liegt, die eigenen Vorlieben ändern?
Marcel: Eine Verpflichtung sehe ich nicht. Das soll und muss jeder Musiker selbst entscheiden. Ich persönlich habe in der Entstehungsphase des Albums sehr viel negatives erlebt und natürlich fließt das auch in die Musik ein, eventuell ist das Album auch deswegen etwas harmonischer und melancholischer als die Vorgänger. Es fließen aber auch Musikstile oder Elemente ein von stücken die man gerne hört. Weißt du, wir sind eben „keine“ Inseln und leben nicht für uns allein, deshalb ist es doch nur normal das äußere Einflüsse auf einen wirken. Aber bewusst gelenkt ist das nicht, so nach dem Motto „100blumen muss jetzt anders klingen“, also würde ich sagen das es schon ein automatischer Prozess ist, ja.
Außerdem hat sich die Produktionsweise von 100blumen verändert. Wir haben wesentlich mehr Möglichkeiten als früher und wir sind zu zweit, ich denke das hört man auch.
BODYSTYLER: Steckt in jedem Stück, dass Du komponierst, ein Teil Deiner Persönlichkeit oder gibt es auch einfach mal Tracks, die einfach nur so entstehen, vielleicht als Füllmaterial oder weil gerade kreative Energie da ist, die nicht ungenutzt verfliegen soll?
Marcel: Es ist so, dass mir manche Lieder mehr bedeuten als andere. Füllmaterial in dem Sinne gibt es nicht. Wenn ein Stück nicht gut genug für ein Album ist, kommt es auf eine Compilation (lacht)!
BODYSTYLER: Ob das jetzt immer so ist, in der Szene, lassen wir mal im Raum stehen, wäre aber eine Erklärung für so manchen Sampler! Man sagt ja, Adel verpflichtet. Besteht in der Unterzeichnung eines Vertrages mit ant-zen auch eine latente Verpflichtung zu Kreativität und Qualität?
Marcel: Das ist eine gute Frage.
BODYSTYLER: Andere gibt es bei uns auch nicht!
Marcel: ...soweit ich mich erinnere gibt es keinen Vertrag zwischen uns und ant-zen. Zumindest nicht für die „SURVEILLANCE“ Scheibe. Warum auch, wir haben das besprochen und sind uns einig gewesen.
Aber um mal auf die Frage zurück zu kommen, ich denke schon. Aber ist das nicht bei jedem Label das gleiche?
BODYSTYLER: Nun, was man da manchmal so zu kaufen bekommt, lässt auch andere Vermutungen zu.
Marcel: Im Prinzip ist es bei ant-zen so wie bei jedem anderen Label. Das Album, das man denen zum hören gibt muss dem Label auch gefallen. Wenn die sagen „nööö, lass mal“, dann veröffentlichst du das nicht bei denen. Aber das ist zum glück noch nie vorgekommen.
BODYSTYLER: In wie fern lasst Ihr Euch von Eurem kreativen Kollektiv im Ameisenhaufen inspirieren? Interessiert Euch, was die Kollegen da so veranstalten?
Marcel: Selbstverständlich interessiert mich auch was unsere ant-zen Kollegen veröffentlichen, alleine schon wegen der Freundschaft und dem gegenseitigen Respekt. Inspiriert worden sind wir eher nicht von unseren Kollegen, es ist eher so das ich mir Anregungen suche, wie gesagt, aus anderen Musikstilen. Wieso wir etwas so und nicht anders machen ist wirklich schwer zu sagen, wahrscheinlich passiert da unterbewusst mehr als ich ahne.
BODYSTYLER: Es gibt da draußen etliche Nachwuchsmusiker, die davon träumen, mit ihrer Musik ein Publikum und vielleicht sogar ein vernünftiges Label zu erreichen. Hast Du vielleicht ein paar Tipps oder Weisheiten, die Du unseren Lesern an dieser Stelle mit auf den Weg geben magst?
Marcel: Die Musikproduktion hat sich in den letzten 10 Jahren stark demokratisiert. Jeder kann für wenig Geld Musik produzieren, da ist auch nichts dran auszusetzen. Was jemand als gut oder schlecht empfindet ist natürlich Geschmacksache, ich schweife ab. Also!
BODYSTYLER: Och, schweifen sie ruhig Herr van Blumen, schweifen sie ...
Marcel: Wenn du / ihr Erfolg haben wollt… sucht euch eine andere Szene. Im rhyhtmic noise gibt es nichts zu verdienen! Ich betreibe selber ein Label („le petit machiniste“)! und was ich da manchmal geschickt bekomme ist schon unterirdisch. Aber manchmal sind auch richtig tolle Sachen dabei. Sehr wichtig ist die Eigenständigkeit deiner Musik, den x-ten „uffta uffta Klon“ braucht kein Mensch. Auch wichtig ist, wenn man als dynamische, aufstrebende Band etwas bei einem Label veröffentlichen möchte, schickt keine lieblose CD-R wo nur eine Emailadresse drauf steht! Was meiner Meinung nach auch nicht geht, ist eine Email zu schicken in der ein Link für den Download steht, da hab ich schon keinen Bock mehr mir das runter zu laden. Sollte sich kein Label für deine Musik interessieren, mach es selbst! Schließe dich mit freunden zusammen, veranstalte ein Konzert, back einen Kuchen, gestalte deine CD und vertreib sie im Internet. Egal! Hauptsache es bewegt sich etwas.
BODYSTYLER: Na, das ist doch mal ’ne klare Ansage mit Tendenz zur Motivation! Dann hoffen wir doch einfach, dass Du nach Deinen direkten Worten, zukünftig viele CD-Kuchen-Pakte bekommst und keine geschmacklosen Links mehr klicken musst... Doch wie kommen wir jetzt geschickt vom Kuchen zu Blumen? ... na egal, ... wenn man sich mit einem so außergewöhnlich blumigen Projektnamen schmückt ist eine Frage dazu natürlich obligatorisch, selbst wir können uns davon nicht befreien ... also, verrate uns doch bitte, ob der Name in Verbindung mit der 100-Blumen-Bewegung steht, die es in den 50er Jahren in China gab oder ganz unpolitisch einfach von Deinem Namen abgeleitet wurde? Letzteres würde mich dann gleich zu der Frage führen, was denn die 100 bedeutet? Gespaltene Persönlichkeit?
Marcel: 100blumen, der Name ist in der Tat abgeleitet von der hundert-Blumen-Bewegung
im China der 50er Jahre des letzten Jahrhundert. Tatsächlich aber habe ich den Namen aus einem Buch, Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985. 100 Blumen war der Name eines Berliner Anarchoblattes Anfang der 70er. Ich fand den Namen wunderbar hippiesk. In anbetracht unserer Musik irgendwie auch irreführend. Ich fand das spannend. Heute würde ich wohl eher einen anderen Namen wählen, THE 100blumen zum Beispiel oder THE 100BLUMEN BAND, wir träumen davon, mal einen live Schlagzeuger zu engagieren.
BODYSTYLER: „The 100Blumen Band“ klingt irgendwie nach einer einer ABBA-Covercombo, die man sich irgendwo im tiefsten Brandenburg zur Eröffnung eines Möbelhauses holt ... Lass uns lieber noch kurz bei der geistigen Bewegung bleiben, bevor sich dieses Bild manifestiert. Bei der Fülle an Themen, die heutzutage politisch und gesellschaftlich auf einen einwirken, ist es sicher kein leichtes, sich auf eines festzulegen um es zum Leitmotiv für eine Platte zu machen. Warum Surveillance? Hast Du dazu einen besonderen Bezug?
Marcel: Überwachung ist allgegenwärtig. Alles wird überwacht. Wir leben in einer durch und durch überwachten Gesellschaft und anstatt besser, wird alles nur noch beschissener. Anstatt das die Menschen sagen „hört auf mit der Scheiße!“ rufen sie „HURRA! Wir brauchen mehr Gesetze, mehr Kameras, mehr Überwachung!“. Ich habe ein T-Shirt da steht drauf „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ na ja, was soll ich sagen? Das T-Shirt hat recht.
BODYSTYLER: Haben T-Shirts das nicht immer? Ich habe eins, mit einem Pfeil nach rechts und einem nach links drauf, Du glaubst gar nicht, wie sehr mir das manchmal bei der Orientierung hilft. In den heutigen Zeiten brauchen wir definitiv mehr Shirts mit „richtigen“ Botschaften!
Marcel: Außerdem sollte das Album anfangs „Songs about emotions while living in a surveillance society“ heißen. Das war dann aber wirklich einfach zu lang.
BODYSTYLER: Ja, definitiv, Surveillance kann man dem DJ auch im lauten Club noch kurz ins Ohr brüllen, für den anderen Titel hätte man zu Hause immer Zettel vorschreiben müssen ... irgendwie uncool! Gäbe es denn für Euch neben der Musik noch andere Kunstformen, in denen ihr Euch gerne einmal ausprobieren wollen würdest?
Marcel: Die meisten Leute wissen es nicht, aber ich forme manchmal kleine Plastiken aus Ohrenschmalz, zeichne gerne Penisse und sprühe dazu Gedichtverse von Erich Mühsam an Polizeiwachen. Chris liebt es tagelang auf dem Bett zu liegen und Chinesische Filme aus den 80ern zu schauen, ohne Untertitel. Gitarristen sind komische Typen. Ob das Kunst ist weiß ich allerdings nicht.
BODYSTYLER: Also, wenn ihr das auf der Bühne gemeinsam machen würdet, könnte das durchaus als Kunst durchgehen, käme halt noch drauf an, wessen Ohrenschmalz Du nutzt und wessen Penis Du zeichnest. Vielleicht integriert ihr das ja mal ins Live-Programm und zeigt es, z.B. beim WGT?!
Es bleibt spannend ...
An dieser Stelle drehen wir den Spieß einfach mal um. Ich gebe das fragwürdige Zepter an Dich weiter und gewähre Dir eine Frage, die Du dem Bodystyler stellen darfst. Na?
Marcel: Stammt der Name BODYSTYLER wirklich von körpergestählten Freaks, die nur zu f242 und nitzer ebb Konzerten gehen und die man sonst das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt?
BODYSTYLER: Nein, das ist nur eine gut genährte Legende. Was heute keiner mehr weiß oder vielmehr wahr haben möchte, das Magazin wurde damals eigentlich vom „Wilde Weiber“- Kegelclub aus Berlin Mahlsdorf gegründet und sollte ursprünglich eine Fanzine zu ehren der Rock/Schlagerikone Bonnie Tyler werden, die damals sehr berühmt war, und auch so heißen (originale Ausgaben existieren auch noch, irgendwo gut versteckt) Zu dem neuen Namen kam das Magazin so. Der Horst, der zu der Zeit noch Erika hieß und dem Kegelverein vorsaß, stolperte eines Abends mit ihren/ seinen Mädels stark angetüddert (wie das bei Kegelschwestern so üblich ist) auf dem Weg zu einem Bonnie Tyler Konzert fälschlicherweise in einen Club, in dem sich die schwarze Szene versammelt hatte um sich konzerttechnisch zu vergnügen (wer da spielte, ist leider nicht überliefert). In dem Glauben, sie seien am richtigen Ort, stimmten sich die Damen dann auch wie üblich mit Bonnie Tyler-Rufen auf das vermeintlich kommende Programm ein. Leider hatte der Alkohol aber schon in soweit Spuren hinterlassen, dass die sprachliche Begabung etwas nachließ und die Leute um sie herum nur so etwas wie, ... na? ... genau! ... Bodystyler verstanden! Von der guten Stimmung der Mädels inspiriert, dauerte es nicht lange, bis der ganze Club in den Chor mit einstieg und alle gemeinsam (bis auf die Damen natürlich, die waren ja innerlich noch bei Bonnie) Bodystyler ... Bodystyler ... Bodystyler .... usw. riefen! Was an dem Abend dann noch genau ablief, vor allem zwischen Erika und einigen der anwesenden Jungs ist nur in Gerüchten übermittelt, die ich aus rechtlichen Gründen an dieser Stelle nicht widergeben darf. Auf jeden Fall war der Abend so prägend für den Kegelverein, dass Erika am nächsten Tag nach Thailand flog, wenige Wochen später als Horst wiederkam und den Namen des Magazins abänderte. Die anderen Mädels des Vereins hielten es ähnlich stiegen aber aus dem Magazin aus und gründeten die bis heute, weit über Mahlsdorf hinaus, bekannte Band „Rammstein“. Ja, so war das und nicht anders! ... bleibt aber unter uns!

ABSCHLUSSPLÄDOYER: Blumen bekommt ihr von uns nicht aber dafür ein dickes Dankeschön dafür, dass wir so würdige Antworten auf unsere fragwürdigen Fragen bekamen! //




Homepage: 100-Blumen.de

© 2011 // BODYSTYLER Electrozine //



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