a;GRUMH

"Ich fordere mir die Rechte und Privilegien des Alters ein!"


à;GRUMH - die Band mit dem prägnanten, aber unaussprechlichen Namen hat in den 80ern wirklich alles dafür getan, um zum Kult-Objekt der innovativen, belgischen EBM-Szene zu avancieren. Es gab und gibt jede Menge wilde Gerüchte, wahre Begebenheiten, Wortspielereien und natürlich sehr viel gute elektronische Körpermusik, was den Status des Duos auch im neuen Jahrhundert unangetastet bleiben lässt. Wir baten Phillipe Genion alias Steve Natrix alias S@3 eVETS anläßlich der Veröffentlichung im Rahmen der „EBM Kult Klassiker”-Reihe des Infacted-Labels zum Gespräch.

 
Interview: Torsten Pape //      
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"Ich hatte wirklich zu wenig Sex auf unseren Tourneen, außer in den USA, da bin ich auf wirklich viele schwere Jungs gestoßen!"

 



 
 

»Da schaue ich mir lieber Filme an oder habe guten Sex, als zu Konzerten alter Helden wie den Simple Minds oder Soft Cell zu gehen, um dort im Schlamm zu stehen und schreckliches Essen aus Plastikgeschirr zu essen und Bier aus Plastikbechern zu trinken!«

 
 
 
 

à;GRUMH
„We were à;GRUMH... and you were not"
Ohne die Jungs mit dem kryptischen und vielfältig interpretierbaren Namen wäre die EBM-Kultur definitiv um eine Attraktion ärmer. Zehn Jahre lang haben sie ordentlich Wellen geschlagen und es hat dafür gereicht, dass sie auch noch zwanzig Jahre nach Auflösung der Band ein Gesprächsthema sind und in die Klassiker-Reihe des Infacted-Labels aufgenommen werden. Stilistisch kann man sie irgendwo zwischen Front 242 und The Neon Judgement ansiedeln, wobei ein ordentlicher Schuss Avantgarde addiert werden darf. In den Songs werden Botschaften proklamiert, der Rhythmus stampft ordentlich und über all dem weht eine oft schräge, meist kühle Brise. Dabei von Hits zu sprechen wäre wohl vermessen, aber Kultiges findet man dafür en masse. Es grenzt an Wahnsinn, aus all dem veröffentlichten und unveröffentlichten Material eine repräsentative Zusammenstellung zu extrahieren, aber hier ist dies bestens gelungen. (Torsten Pape)
VÖ: 23.09.2011 // Infacted

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

unächst möchte sich der BODYSTYLER für Eure neue Kollektion „We were à;GRUMH... and you were not” bedanken. Wir haben bereits mehrmals wild zu den Kult-Songs aus unserer Jugend getanzt.
S@3 eVETS: Freut mich zu hören. Dankeschön!


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BODYSTYLER: Als erstes würde uns interessieren, ob Ihr denkt, dass die Botschaft, die Ihr mit der Band vermitteln wolltet und der Bandname selbst immer noch aktuell sind?
S@3 eVETS: Ja, ich denke schon. Wollt Ihr die Geschichte hören? Sie ist etwas länger... Zu Beginn der 80er habe ich ständig (Rock-)Bands gegründet und an einem Punkt war ich sogar Mitglied von 37 Bands. Einige waren nicht viel mehr als ein Konzept, ein guter Witz. Zum Beispiel traf ich zwei Freunde und wir beschlossen eine Band zu sein, die ausschließlich auf CASIO-Mini-Synthesizern spielt. Wir nannten uns LOS CASIOS. Die Woche darauf schickten wir Fotos zur Presse, um unsere Existenz zu verkünden. Wir traten jedoch nie auf oder machten auch nur irgendetwas. Wir existierten einfach. Was für ein Spaß! Einige dieser Bands machten jedoch auch Musik und die wichtigste davon nannte sich à;GRUMH - ein bizarrer Name. Wir machten zunächst krachigen Industrial, was nach und nach zu EBM wurde (damals auch Techno genannt, also in der Zeit zwischen 1983 und 1988). Das Logo der Band bestand aus einem Triangle mit einem Kreis in der Mitte. Die drei Seiten standen für Originalität, Freiheit und Andersein und der Kreis symbolisierte den Impuls. Wir glauben daran, dass die Menschen in einem Geist der Freiheit ihren Impulsen folgen und das Andersein als Qualität bewahren müssen. Unsere Texte waren antifaschistisch und andersartig. Irgendwann änderten wir unsere Namen, benutzten den ersten Buchstaben des Vornamens/Spitznamens, dann kam eine Zahl und dann der rückwärts geschriebene Vorname. Die Idee dahinter war, zu zeigen, dass sich niemand seinen Namen aussucht. Überhaupt hat man über die wichtigsten Dinge wie Geburt, Name und Tod keinerlei Kontrolle. Wir hatten uns so wenigstens unsere Namen ausgesucht! Da wir nicht wollten, dass die Bandmitglieder durchnummeriert werden, waren wir alle die Nr. 3. Ich habe mir später sogar das Logo und den Namen auf den Arm tätowieren lassen. Irgendwann haben wir dann den T-Circle gegründet und die Aufnahmekriterien waren sehr streng. Es sollte kein Fan-Club werden, sondern eine Gruppe von Leuten, die sich ernsthaft mit bestimmten Themen auseinandersetzt und diese ausdiskutiert. Alle hatten wiederum Zahlen als Tattoos, wobei wir alle mit einer „3” ausgelassen haben. Manche Leute dachten, das wäre eine neue Sekte und es entstanden die wildesten Gerüchte, die wir allerdings aus Spaß auch provoziert haben. Wir produzierten Booklets über verrückte, satanische Rituale und es gab Bilder von mir mit drei Gabeln im Hintern oder von J.3 über und über bedeckt mit ekelerregenden Exkrementen, wir schluckten Kruzifixe oder verbrannten Weihnachtsdekoration. Wir wollten schockieren, aber auch die Leute zum Nachdenken bringen. Über die Jahre zählte der T-Circle 44 Mitglieder und das nicht nur in Belgien, sondern auch in Frankreich, Kanada oder Schweden. Die Band veröffentlichte 17 Alben und Kassetten, tourte drei Mal durch Europa und zwei Mal durch Amerika, wovon es sogar noch Videos in unserem Webshop gibt. Es gab zudem Artikel im Melody Maker oder dem NME und wir wurden als das nächste große Ding gehandelt. Das war alles ganz schön übertrieben, aber aufregend. Der Name à;GRUMH bedeutet das, was Du darin siehst. Abhängig vom Land und den Leuten wird er ganz verschieden ausgesprochen und die Bedeutung reicht vom Namen einer Zitrusfrucht bis hin zum Geräusch, das Nashörner beim Kopulieren machen.

BODYSTYLER: Wie würdet Ihr die Band eigentlich heutzutage nennen?
S@3 eVETS: @grum#

BODYSTYLER: Wie oft habt Ihr Euch eigentlich gewünscht, dass die anderen à;GRUMH wären und nicht Ihr?
S@3 eVETS: Das ist ja mal ne schräge Frage! Die erste von uns gemachte Aussage war ja „We are à;GRUMH... and you are noth, was sich auf die Aussprüche von Bands auf der Bühne bezog: 'Hi, wir sind Magazine.' oder 'Wir sind die Ramones.' Also sagten wir, dass wir à;GRUMH sind und ihr seid es eben nicht. Für die aktuelle Compilation von Infacted Recordings kam mir die Idee, in der Vergangenheit zu reden. Wir dachten jedoch nie daran, dass jemand uns imitieren könnte oder gar sollte. Genau wie im T-Circle war uns wichtig, dass die Leute ihre eigenen Ideen und Vorstellungen haben. Wir stehen für Individualität und Freiheit! Das war jetzt nicht BODYSTYLER-mäßig genug, ich weiß. Deshalb erzähle ich Euch noch, dass ich mir manchmal schon gewünscht habe, dass einige à;GRUMH-Fans etwas dicker, behaarter und schwul wären. Ich hatte wirklich zu wenig Sex auf unseren Tourneen, außer in den USA, wo ich auf wirklich viele schwere Jungs gestoßen bin. In Deutschland hatte ich einen Fan, der sehr sexy war: Rauschi, heute auch bekannt als DJ Rauschi. Er war so ein geiler, blonder, behaarter und schwabbeliger Mann. Leider ist er hetero und glücklich mit einer Frau verheiratet. Niemand ist perfekt!

BODYSTYLER: Warum hat es eigentlich so lange gedauert, um die Zeit zu beenden, in der die Leute enorme Beträge für Eure Original-Alben ausgeben mussten?
S@3 eVETS: Ich bin mir nicht ganz sicher, was du genau mit 'enormen Beträgen' meinst? In den 80ern wurden unsere Alben zum normalen Standard-Preis verkauft. Wir hatten sogar ein paar Mini-Alben, die noch billiger waren (lacht). Ich denke mal, dass Du Dich auf den Second Hand-Markt beziehst, oder?

BODYSTYLER: Ja, eigentlich meinte ich den, denn Eure CDs werden ja schon lange nicht mehr nachgepresst.
S@3 eVETS: Darüber habe ich natürlich keine Kontrolle. Nachdem wir 1991 unsere letzte Scheibe herausgebracht haben, pflegte Play It Again Sam noch eine Weile den Backkatalog. Irgendwann haben sie dann aber sogar Lagerware vernichtet, die sich nicht mehr verkauft hat. In den 90ern und frühen 00ern konnte man dann nichts mehr offiziell erwerben. Seit 2005 gibt es jedoch das meiste Material auf den legalen Download-Portalen. Vor einiger Zeit entstand bereits die Idee einer Best of-Kopplung, aber die schlechten Verkäufe ähnlicher Zusammenstellungen von The Weathermen oder Neon Judgement, machten diese Pläne zunichte. Da haben sie wahrscheinlich einfach zu lange gewartet. 2001 war die Nachfrage nämlich ziemlich groß. Außerdem realisierten PIAS nie den Unterschied von à;GRUMH zu den anderen Bands dieser Ära. Wir sind nämlich nie wieder in dieser Form zusammengekommen oder gar auf „Nostalgieh-Festivals präsent gewesen. Unsere Karriere war somit kurz und prägnant und die Leute sprechen immer noch von den damaligen Konzerten und unserer Performance, bei der wir Schweineköpfe, Lebern und Tieraugen verwendeten. Das grenzt schon ein bisschen an Kult und die Nachfrage nach Konzerten ist ungebrochen. Obwohl mir sogar sehr hohe Gagen angeboten werden, sage ich jedes Mal ab. Ich möchte die Erinnerungen der Leute und das, was wir zwischen 1981 und 1991 erreicht haben, nicht zerstören. Das ist unser Vermächtnis und unser Geschenk.

BODYSTYLER: Also stellt die aktuelle Veröffentlichung nicht den Beginn eines neuen Kapitels dar?
S@3 eVETS: J3 und ich machen ja seit 2000 unter dem Namen nEGRAPADRES.3.3. wieder Musik. Unsere Fans wissen, dass es 1985 ein Album namens „Rebearthh von uns gab, das die industriell ambiente Seite von à;GRUMH widerspiegelt. Wir wollten damals zwei Bands etablieren, die sich nur in der Schriftart des Bandnamens unterschieden. Das hat aber alle nur verwirrt und PIAS bat uns, das nächste Ambient-Album unter einem ganz anderen Namen herauszubringen. So wurde nEGRAPADRES.3.3. geboren und es gab bereits 1988 ein Album beim Circle Records-Label, das zweite, wenn man „Rebearthh als erstes betrachtet. 2006 erschien dann „Extrophy of amphigourish bei Hermetique Records, das erfreulich gute Besprechungen bei der Industrial-/Dark-Presse erhielt. Man verglich uns mit unseren großen Meistern (TG, Zev etc.), was uns positiv überraschte. Diesen Sommer erschien dann unser aktuelles Album „La phobie du Chevalh und nächstes Jahr wird „Bincheh herauskommen, an dem wir unter anderem mit John Ellis arbeiten, der schon mit Peter Gabriel, den Stranglers, Peter Hammil und den Vibrators gespielt hat. Vor zwei Monaten ist übrigens auch mein Solo-Album „Music for fireworksh unter dem Namen Polar Praxis bei Onderstroom erschienen. Pferde, hütet Euch vor den Pferden! Equus ferus caballus!!

BODYSTYLER: Seht Ihr eine Herausforderung darin, das alte Material mit den neuen (technischen) Möglichkeiten und den gewonnenen Fähigkeiten noch einmal neu einzuspielen?
S@3 eVETS: Nein, überhaupt nicht. Ich denke, es ist besser, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Schau Dir nur die vielen Leute an, die die „Star Wars”-Re-Releases mit all den digitalen Verbesserungen und dem Bonusmaterial kritisieren. Also, was sollten eventuelle Wiederaufnahmen oder Remixe denn bringen? Trotzdem hör ich mir übrigens gern Remixe von Fans oder jungen Musikern an, einige davon findet man auf Youtube, genau so wie Tonnen von Live-Material und regulären Songs. Ich schaue nicht mit Gefühlen der Nostalgie in die Vergangenheit, sondern eher mit Stolz und einem Lächeln. Ich habe mir unsere Songs auch nicht gerade häufig seit 1991 angehört.

BODYSTYLER: Seid Ihr nach der Kollaboration beim Nebenprojekt A Chud Convention eigentlich immer noch in Kontakt mit Nivek Ogre und cEVIN Key von Skinny Puppy?
S@3 eVETS: Mit Ogre gar nicht, eher mit cEVIN oder damals noch Dwayne. Aber auch mit anderen Musikern dieser Ära stehe ich noch in Kontakt, wie zum Beispiel Rodney Orpheus von Cassandra Complex, Patrick und Daniel von Front 242, Dirk von Klinik oder auch Aldo Ivancic von Borghesia oder Jean-Marc von Weathermen, die beide sehr enge Freunde sind. Generell fühle ich mich jedoch nicht mehr als Teil einer Musikszene. Ich höre mir eine Menge verschiedenster Musik an, gehe jedoch nicht mehr auf Konzerte. Ich hab meine Zeit gehabt, das ist jetzt etwas für junge Leute, eine andere Generation. Ich möchte nicht der alte Sack auf dem Balkon oder im hinteren Teil des Raumes sein. Da ziehe ich es vor, mich mit guten Freunden an einen Tisch zu setzen und einen Trevallon Wein oder einen guten Talisker Whisky zu trinken. Da schaue ich mir doch lieber Filme an oder habe guten Sex, als zu Konzerten alter Helden wie den Simple Minds oder Soft Cell zu gehen, um dort im Schlamm zu stehen und schreckliches Essen aus Plastikgeschirr zu essen und Bier aus Plastikbechern zu trinken. Damit bin ich durch und stolz darauf, alt zu sein. Ich fordere mir die Rechte und Privilegien des Alters ein. Basta! //



Web: agrumh.com

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