eit Eurem letzten Studioalbum 1999 hat sich die politische und gesellschaftliche Situation in unserem Land und der Welt nicht verbessert. Zusätzlich ist die Macht des Internets stetig gewachsen. Der Mensch ist manipulierbar und gläsern. Beides sind zentrale Themen auf Eurem neuen Album. War dies der Hauptgrund für Euch, ein neues Album aufzunehmen oder hattet Ihr einfach Bock, mal wieder gemeinsam Musik zu machen und die Texte entstanden nebenbei?

Anzeige | Eigene schalten »

Alec Empire: Die Leute haben unsere Konzerte letztes Jahr so begeistert aufgenommen, dass wir die neue Energie in der Gruppe zurückgeben wollten. Es fühlt sich alles eher wie ein Software-Update an als ein Come Back. Die politischen Themen lagen auf der Hand. Wir stehen an einem Scheideweg. Wir können entscheiden, ob das Internet uns weiter mehr Freiheit bringt oder ob es durch übertriebene Regulierungen des Staates immer mehr zur Kontrolltechnologie wird. Es gibt viel Positives, aber eben auch Gefahren, die viele, die sich nicht genug mit dem Thema befassen, übersehen. Es geht bei ATR diesmal hauptsächlich um Hackeraktivismus.
Die Gesellschaft wächst bekanntlich mit den kleinsten Elementen heran. So scheint eine Zielgruppe besonders bedroht.
BODYSTYLER: Wie sollte man Kinder an die übertechnisierte Gesellschaft heranführen, um ihnen zu helfen, die modernen Möglichkeiten zu nutzen, ohne in Gefahr oder Abhängigkeit zu geraten?
Alec Empire: Das gilt ja auch für Erwachsene. Jeder sollte sich regelmäßig die Frage stellen, warum er bestimmte Technologien überhaupt benutzen will. Darum geht es ja: Um Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen. Wenn man tagelang Online-Games spielt, dann kann es viele Gründe dafür geben. Es wird nur dann zum Problem, wenn einem keiner mehr einfällt und man merkt, dass es auch niemanden mehr gibt, der sich dann für Dein Problem interessiert. Wenn man diese Grenzen austesten will, ist das ok. Aber wenn man merkt, dass es zu viel wird, dann einfach abstellen und eine Pause machen. Sich am besten einen anderen Kick irgendwo anders suchen und holen.
BODYSTYLER: Apropos Kick, musikalisch geht es bei Euch wieder schön krachig zur Sache. Ich finde aber, Ihr habt diesmal ein paar mehr ruhige Elemente, wie beim Titeltrack „Is this hyperreal?“. Wie sieht der Entstehungsprozess eines Songs bei Euch grundsätzlich aus? Vom ersten Sound-Schnipsel bis zum gesamten Patchwork.
Alec Empire: Wir programmieren unsere Musik auf einem alten Atari-Computer, der 2MB RAM hat. Da muss der Krach erst erdacht und eingetippt werden. Es geht immer darum, die Texte musikalisch umzusetzen. Der Titeltrack „Is This Hyperreal?“ handelt davon, wie es sein kann, wenn eine Revolution umkippt und zur Tyrannei wird, wofür es ja viele Beispiele in der Geschichte gibt. Wir fanden es spannend, hier eine filmische Soundkulisse aufzubauen, damit der Hörer sich das vorstellen kann. Unsere Musik ist sehr direkt. Das ist die Herausforderung dabei.
Neben den zwei bekannten Gesichtern von Alec Empire und Nic Endo beteiligt sich seit 2010 ein neues Mitglied am Krach, dass vielleicht noch nicht alle kennen.
BODYSTYLER: Wie stieß CX Kidtronik zu Atari Teenage Riot? Welchen Schub brachte er mit auf das Album?
Alec Empire: Wir haben lange vor ATR an seinem Soloalbum für das Label Stones Throw in LA gearbeitet. Als wir dann am Telefon fast ein Jahr später sprachen, hatten wir gerade die ATR Show in London für Mai 2010 angekündigt. CX bot sich an, da es für ihn eine Ehre sei, mit dabei zu sein. Ich war erst skeptisch, aber als er sofort klarstellte, dass er nicht einfach nur die alten Texte unseres in 2001 verstorbenen MC Carl Crack übernehmen, sondern seine eigenen schreiben wollte, da gab er einen wichtigen Schub in eine neue und zeitgemäße Richtung für ATR. Er ist 50% MC, aber eben auch 50% Produzent. Es gibt viele Momente, in denen das wichtig wird, wenn es um musikalische Entscheidungen geht.
Kommen wir nun zu einem Thema, welches mir im Kopf umherschwirrt, ohne das es direkt an das Album anknüpft, aber dennoch, in seiner gesellschaftlichen Bedeutung, wichtig ist.
BODYSTYLER: Ein Thema das mich, als Veganer, persönlich sehr interessiert. Wie stehst Du zu dem Thema Tierrechte?
Alec Empire: Das ist ein schwieriges Thema. Wenn es um meine Meinung geht, würde ich es am einfachsten so zusammenfassen: Die Fleischindustrie ist verantwortlich für eine Menge Umweltverschmutzung, da Unmengen von Scheiße irgendwie entsorgt werden müssen. Die Agrarflächen, die verschwendet werden, um Nahrung abzugreifen, die letztlich als Tierfutter endet, sind mit dafür verantwortlich, dass so viele Menschen auf der Welt hungern müssen. Das Fleisch, was billig an die Masse verkauft wird, ist sehr ungesund. Wir können uns diesen Luxus als Gesellschaft schon lange nicht mehr leisten. Ich bin selbst kein Veganer, aber habe meinen Fleischkonsum sehr stark zurückgefahren. Die Maschinerie, mit der Tiere systematisch umgebracht werden, hat auf mich immer auch etwas für den Mensch Bedrohliches gehabt.
Zur ausführlichen Diskussion über dieses Thema würde ich mich mit dem Herr Empire gerne an einen Tisch setzen. Mit anderen Herren lieber nicht.
BODYSTYLER: Neulich war „Herrentag“. Deutschlandweit waren wieder eine Menge volltrunkener Männer bereit, sich von ihrer peinlichsten Seite zu zeigen. Wie sah Dein Alternativprogramm für so eine Feierlichkeit aus?
Alec Empire: Solche Termine stehen gar nicht in meinem Kalender. An Weihnachten halte ich mich am liebsten in unchristlichen Ländern auf, damit ich nicht vom religiösen Konsumterror überrollt werde. Ich fühl mich nicht unbedingt wohl, wenn ich mich zwischen betrunkenen Herren aufhalten muss. Das hat mich schon immer gelangweilt. Ich kann auch nicht viel mit Fußball-Hooligans anfangen.
Ganz meiner Meinung. Fußball ja, aber ohne Hooligans, und Mucke gerne mit viel Digital Hardcore. //

Homepage: Atari-Teenage-Riot.com
© 2011 // BODYSTYLER Electrozine //


|