st es manchmal schwer, Songs mit minimalistischen Ausdrucksmitteln zu schreiben / aufzunehmen? Könntet ihr euch vorstellen, dass manche Melodien oder Stimmungen mit einer Unmasse an Effekten und Tonspuren besser zu kreieren wären? Warum habt ihr euch für genau diese Art der Instrumentierung entschieden und wollt sie perfektionieren, wovon ich jetzt einmal ausgehe?
Member u-0176: Ich würde sagen, dass es in jedem Fall schwer ist, einen Song zu schreiben. Das Komplizierte daran ist, ein Lied minimalistisch oder simpel klingen zu lassen, wenn es eigentlich haufenweise Sounds und Effekte enthält. Wenn man sich einen Song anhört, muss man ja nicht automatisch all die Maschinen dahinter erkennen. Am Ende ist es der Song, der am wichtigsten ist. Der Rest ist doch nur Kosmetik.
Patryck: Um es kurz zu machen: Wir finden es nicht schwer, Songs zu schreiben, aber es ist schwer, gute Songs zu schreiben.
BODYSTYLER: Am Anfang habt ihr euch dafür entschieden, englische Texte zu schreiben. Warum verwendet ihr jetzt doch eure Muttersprache?
Patryck: Wenn du in deiner Muttersprache singst, hast du sofort eine Verbindung zur Bedeutung der Worte. Wir mussten deshalb sehr sorgfältig mit den Worten umgehen, sehr präzise sein und durften doch nicht zu viel verraten.
Member u-0176: Damals schrieben wir einfach zum Spaß und ohne konkrete Vorstellungen ein paar Songs. Die Verwendung der englischen Sprache kam ganz automatisch, vielleicht imitierten wir auch nur die Songs, die wir früher gehört haben. Langsam wuchs der Gedanke in uns, auch einmal französische Texte zu schreiben und den Anfang machte „Synchronise“ von unserem zweiten Album „Words once said“. Ein ganzes, französisches Album war bis vor kurzem jedoch ein eher erschreckender Gedanke, da unsere Sprache sehr kompliziert ist und wir sehr hohe Ansprüche in dieser Hinsicht haben.
Darkleti: Wir hatten zudem die Befürchtung, dass wir zu nah an unserer Alltagssprache dran sein würden. Es ist wirklich nicht einfach, gute französische Texte zu schreiben. Wir wollten eine gewisse Distanz haben und nichts überstürzen. Deshalb hat es ein wenig gedauert, bis wir uns für diesen Schritt bereit fühlten.
BODYSTYLER: Unglücklicherweise spreche ich kein Französisch und verstehe nur wenig. Würdet ihr deshalb bitte ein bisschen erklären, worum es in den aktuellen Texten geht? Vom Titel her könnten vielleicht „Le goût du poison“ oder „Les quatre coins de l’hexagone“ interessant sein. Das krieg ich noch halbwegs übersetzt...
Darkleti: „Les quatre coins de l’hexagone“ ist wahrscheinlich schwer zu erklären, aber ich versuch es mal: Die geographische Form Frankreichs entspricht ungefähr der Form eines Sechsecks (Hexagon). Es ist üblich hier, anstelle von Frankreich vom Hexagon zu sprechen und französisch ist oft hexagonal. „Le 4 coins“ bedeutet dann soviel wie „in allen Ecken“ oder „überall“. Wenn man also sagt „in allen vier Ecken des Sechsecks“ bedeutet das „überall in Frankreich“, obwohl das mathematisch natürlich totaler Blödsinn ist. Wir finden das lustig, aber indem ich das erkläre, wird mir bewusst, dass das eure Leser vielleicht total debil finden könnten...
Patryck: Ich möchte noch hinzufügen, dass der Song aus einer Aufzählung großer Städte in Frankreich besteht. Mit einer Ausnahme, aber das müsst ihr selbst herauskriegen. „Le goût du poison“ bedeutet „Der Geschmack des Giftes“. Dieses Gift kann zum Beispiel auch ein schlechtes Gefühl sein, das durch deine Venen fließt.
BODYSTYLER: Bitte sagt doch mal etwas zu eurer Kraftwerk-Hommage im Playmobil-Look, wobei ich hoffe, dass es Playmobil auch in Frankreich gibt... Ich beziehe mich natürlich auf den Stil eures Videos zum Song „Coeur 8-bit“.
Member u-0176: Eigentlich haben wir überhaupt nicht an Kraftwerk oder Playmobil gedacht, aber jetzt, wo du es sagst... Vielleicht sind das ja sogar unsere größten Einflüsse gewesen. Wir wollten einfach etwas haben, das technisch und doch spaßig ist. So, als ob wir Maschinen sind, aber nicht so wie bei Kraftwerk, sondern Maschinen mit Herz und Gefühlen. Genauer gesagt, Menschen, die für Maschinen gehalten werden, was jedoch auf einem Missverständnis beruht. Darum geht es jedenfalls im Text.
BODYSTYLER: Ist es noch euer Ziel, Bodypop zu machen oder würdet ihr euren aktuellen Stil anders bezeichnen?
Member u-0176: Wir machen uns nicht allzu viele Gedanken über den Namen unseres Stils, sondern wollen vielmehr Stile vermischen. Sicherlich mögen wir Pop und EBM, aber nicht ausschließlich. „Bodypop“ ist ja der Name unserer EP aus dem Jahre 2006, da wir damals anfingen, mehr EBM-Elemente in unsere Musik zu integrieren. Dann hatten ein paar Monate And One die gleiche Idee, wahrscheinlich sogar aus den gleichen Überlegungen heraus. Wahrscheinlich ein Zufall und nicht gleich ein neues Genre, nehme ich mal an.
Darkleti: Der Name Bodypop war nur ein Indiz dafür, dass wir nicht zu poppig werden wollten und deshalb dem Ganzen eine etwas härtere Note verpasst haben.
BODYSTYLER: Mit der Hexagonal-Formel, bestehend aus Blip, Pop, EBM, Französisch, Analog und 8-Bit umgeht ihr ja eigentlich perfekt den Fragen nach den Komponenten, aus denen sich eure Musik zusammensetzt. Diese Elemente scheinen eine sehr funktionelle Fusion einzugehen, aber die meisten sind doch eher maschineller Natur. Wie viel menschlichen Input gibt es zu diesem chemischen Konstrukt?
Patryck: Darkleti ist keine Maschine und die Tatsache, dass es Menschen sind, die die Tonarten und Melodien auswählen ist ein wichtiger Input. Wir injizieren die Gefühle, die die Maschinen in elektronische Klänge übersetzen.
Member u-0176: Maschinen machen nichts, wenn wir nicht die richtigen Knöpfe drücken. Wir sind die Herren über den On-/Off-Schalter, also kann man sagen, dass in unserem Electro-Pop alles menschlich ist.
Darkleti: Nimm auch die Texte, die auf menschlichen Gefühlen beruhen. Vielleicht verbergen sie sich manchmal hinter roboterhaften Klängen, aber vergesst nicht, dass es bei Celluloide nur um menschliche Dinge geht: Reue, Angst, Melancholie, Traurigkeit, Freude, Hoffnung...
BODYSTYLER: Könnt ihr bitte etwas zur Bonus-EP erzählen, die der limitierten Edition des neuen Albums beiliegt!
Member u-0176: Die zweite CD ist „C8b-EP“ betitelt und ein 5-Track-Minialbum, mit drei Songs, die wir zeitgleich zum Album aufgenommen haben. Wir mögen sie sehr, aber sie passten einfach nicht zu den anderen. So haben wir einen großartigen Weg gefunden, sie doch zu veröffentlichen. Außerdem ist noch je ein Remix von „Coeur 8-bit“ und „Imprévisible“ enthalten.
BODYSTYLER: Ihr habt einmal gesagt, dass es in Frankreich kein Publikum für eure Art Musik gibt. Auf welche Art und Weise versucht ihr, diese Tatsache zu verändern?
Member u-0176: Wir betreiben unser eigenes Label und nehmen französische Bands wie Dekad, Foretaste oder Neutral Lies unter Vertrag. Unsere Aktivitäten sind jedoch auf diese künstlerische Ebene beschränkt.
BODYSTYLER: Ich habe den Eindruck, dass Deutschland ein dankbarer Markt für euch ist. Es scheint eine loyale Fangemeinde zu geben, obwohl ihr zum Beispiel noch nie hier aufgetreten seid. Wie erklärt ihr euch diese Popularität und was verbindet euch mit eurem geographischen Nachbarn?
Darkleti: Vielleicht sind die Deutschen etwas empfänglicher für diese Musik, einfach, weil sie sie gewöhnt sind. Bei uns gibt es kaum Möglichkeiten für Auftritte, geschweige denn große Festivals oder auch nur eine Underground-Szene. Schau dir nur die Tourpläne internationaler Bands an, da gibt es kaum Stationen in Frankreich.
Patryck: Viele der Bands, die wir mögen, kommen aus Deutschland. Wir sind schon ganz gespannt auf eure Reaktionen, besonders auf die französischen Texte. Wir können uns wirklich nicht vorstellen, was uns diesbezüglich erwartet.
BODYSTYLER: Über die Jahre habt ihr diverse Download-EPs/-Singles veröffentlicht. Was reizt euch an diesem Format? Könnt ihr euch vorstellen, auch physisch Single-Formate zu veröffentlichen – vielleicht sogar als Vinyl?
Member u-0176: Wir würden nur zu gern CDs oder 7“-Singles herausbringen, aber die digitale Veröffentlichung bietet einfach mehr Vorteile. Auf unserer Homepage kosten diese weltweit nur 3 Euro und es gibt keine Probleme mit dem Verschicken. Für diesen Preis wäre das mit einer CD unmöglich.
BODYSTYLER: Das Spektrum von Darkletis Stimme hat sich mit der Zeit vom naiven Charakter hin zu einem fast schon erotischen Timbre erweitert. Lolita oder Vamp – wo liegt die Wahrheit?
Member u-0176: Wahrscheinlich in der Vorstellung des Hörers.... Das ist vielleicht eine Art Kuleschow-Effekt (Der russische Regisseur Lew Kuleschow ließ Zuschauer verschiedene Gesichtsausdrücke in einem immer gleichen Bild erkennen, indem er es mit unterschiedlichen Motiven kombinierte, Anm. d. Red.). Wir versuchen, die Stimme zugleich kalt und emotional klingen zu lassen. Die Art des Vortrags lässt dem Hörer Raum für eigene Interpretationen, allein auf Grund der Aussprache der Worte. Man kann das je nach Standpunkt als sehr distanziert oder auch sehr nah empfinden.
Darkleti: Ich vermute, dass das Singen auf Französisch den Texten ein mehr instinktives Gefühl verleiht. Vielleicht hat sich meine Interpretation sogar verändert, aber das geschah dann nicht mit Absicht.
Patryck: Mir erscheint es sehr deutlich, dass Darkleti seit der Bodypop-EP anders singt, einfach weil die Musik sich auch verändert hat. Es wäre unmöglich, ihren Gesang vom Debüt „Naive heart“ auf dem neuen Album zu reproduzieren.
BODYSTYLER: Nachdem die letzten Alben grafisch jeweils die Farben Blau, Rot und Grün dominierten, scheint ihr nun eure violette (rosa?) Phase zu haben. Habt ihr neben der schwarzen immer nur eine andere Tintenpatrone im Einsatz oder verbirgt sich auch hier ein tieferer Gedanke?
Member u-0176: Wir hatten nur eine Patrone, das wird es gewesen sein. Du hast es erfasst (lacht). Es entsteht jedoch wirklich vor jedem Album die Diskussion, welche Farbe es haben wird. Die Farbe an sich hat dabei jedoch keine Bedeutung, aber es steckt schon ein Konzept hinter dem Design. Wir sind sehr von der avantgardistischen Bewegung zum Anfang des 20. Jahrhunderts beeinflusst: Futurismus, Suprematismus oder sogar Dada. Es würde lange dauern, das im Detail zu erklären, aber vielleicht an einem Beispiel. Das neue Artwork ist beeinflusst von einigen Werken von Victor Vasarely, indem wir versuchten einen 3D-Eindruck aus einfachen Linien heraus zu kreieren. Genau wie in unserer Musik, wo Emotionen durch Hinzufügen einfacher Melodien entstehen. Wir haben versucht, diesen Einfluss etwas genauer auf unserer Web-Seite zu erklären.
BODYSTYLER: Bezogen auf euren Bandnamen müsstet ihr eigentlich viel mehr Videos machen oder Soundtracks komponieren. Was hält euch davon ab?
Member u-0176: Wir würden liebend gern einen Soundtrack schreiben, hatten bis jetzt jedoch kein diesbezügliches Angebot. Nun hoffen wir, dass euer Magazin bis nach Hollywood vertrieben wird und uns daraufhin jemand anrufen wird. //
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