Chainreactor

"Warum sollte ich nur sinnfreies Gestampfe produzieren?"


Es ist Freitag Abend, die Woche hat man endlich hinter sich – und man will nur noch eins. Den Alltag vergessen und tanzen. Hierfür bedarf es nicht viel. Ein guter Club, einen netten DJ, der ab und zu auch das spielt, was wir gerne hören wollen und viel Spaß in der Tasche. Vorfreude auf die fetten Beats und die harten Sounds verbunden mit der Frage, welchen Überraschungseffekt der jeweilig gehörte Künstler wohl diesmal einbauen wird. Bei Jens Minor gehören Hardcore-Electro und Emotionalität, Meinungsfreiheit (auch im polititischen Sinne) und Spaß genauso zur Musik wie das Ei zur Henne.
 
Interview: Manuela Seiler //   
 

Für die einen ist es nur ein cooler Psychospruch: Chainreactor's Jens Minor

 



 
 

»Mit Schlaflosigkeit habe ich schon seit meiner Kindheit zu tun!«

Teile des Albums sind unter dem Einfluss von Schlaflosigkeit entstanden
 
 
 
 

CHAINREACTOR
"Insomniac"
Die Geschichte endet hier. Und beginnt auch genau hier von Neuem. War das Debüt noch kompromisslos und hart, so ist „Insomniac" zwingend, treibend, nachdenklich-aggressiv. Auch beim zweiten fehlen nicht die Wurzeln Jens Minors aus der Hardcoretechnoszene, fette Beats, diverse Samples und das Fünkchen mysteriöse Lebhaftigkeit der Schlaflosigkeit, die die geballte Energie der Ruhelosen auf die Tanzflächen der nächstliegenden Clubs schleudert. Die Remixe von u.a. [x]-RX, Xotox und [Organic Cage] tun ihr übriges! Wohl auf denn! Die Geschichte endet (noch) nicht! (Manuela Seiler)
VÖ: 01.04.11 // Pro Noize

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

n nicht zu übertrumpfender Weise gibt er dies bei seinem neuen Werk „Insomniac“ zum Besten – lasst euch anstecken von seinen schlaflosen Nächten und rockt auf intelligente Art ab!


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BODYSTYLER: Hallo Jens, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Deinem zweiten knalligen Werk, das ja anscheinend schon viel Anklang gefunden hat. Ich nehme einmal an, dass Du nach Vollendung Deines Albums über eine Woche durchgeschlafen hast, oder? Nach all den schlaflosen Nächten davor?
Jens Minor: Hehe, ja, in der Tat schlaf ich seit einiger Zeit wieder deutlich besser, als noch zu der Zeit, als das Album entstanden ist.
BODYSTYLER: Die Musik wirkt sehr aggressiv, zwingt einen regelrecht zum Tanzen, obwohl die Themen eher gedrückt, ich sag mal, eher melancholisch-hoffnungsloser Art sind. Passt das wirklich? Ich finde „Dystopia“ zum Beispiel rhythmisch und musikalisch sehr cool, textlich sehr traurig. Empfindest Du tatsächlich so?
Minor: Nun ja, man kann das Album wirklich auf zwei verschiedenen Ebenen behandeln. Oberflächlich betrachtet, bietet das Album harten, krachenden Noise mit technoiden Strukturen und lässt sich dadurch natürlich prima als Tanzflächenfutter verwerten,was ja auch beabsichtigt ist. Aber warum sollte ich nur sinnfreies Gestampfe produzieren,wenn ich doch gleichzeitig die Möglichkeit habe etwas Persönliches auszudrücken und damit auch zu verarbeiten?! Ich bin mit Technomusik groß geworden. Diesen Einfluss zu verleugnen, wäre ein musikalisch sinnloses Unterfangen, da ich immer wieder in die technoiden Strukturen zurückfallen würde. Aber das ist ja nur eine Seite der Medaille. Ich bin ein künstlerisch interessierter Mensch und mache mir viele Gedanken zu verschiedensten Themen. Diesen persönlichen Einfluss finde ich genauso wichtig. Genau das sollte meiner Meinung nach auch die "Technomusik" der schwarzen bzw. neongrünen Szene von der der konventionellen Techno / Hardstyle Szene unterscheiden, was zugegebenermaßen nicht wirklich immer der Fall ist.
BODYSTYLER: Worum geht’s in „Locked in“? Um eine geistige Einsperrung? Gerade wenn man über längere Zeit von Schlaflosigkeit geplagt ist, kann es zu Wahrnehmungsstörungen/ Halluzinationen kommen. Meintest Du so etwas? Oder bin ich da auf einer völlig falschen Fährte?
Minor: Nein, der Ansatz ist schon ganz richtig. Das Sample von "Locked in" funktioniert in gewisser Weise, wie auch das ganze Album, auf zwei Ebenen. Für die Tanzfläche ist es einfach nur ein "cooler Psychospruch". Aber ich persönlich verbinde damit eben auch das Gefühl während meiner schlaflosen Nächte, wo die Gedanken sich immer wieder im Kreis drehen und es scheinbar keinen Ausweg aus dieser Endlosschleife gibt, außer der Entscheidung nicht zu schlafen und sich irgendwie abzulenken. Man kann es aber auch so auslegen, dass man sich den Gedanken und Ängsten im Kopf stellen muss und ihnen entgegen schreit: "Ich bin hier nicht mit euch eingesperrt, ihr seit hier mit mir eingesperrt!"
BODYSTYLER: Was genau fasziniert Dich an dem Thema Schlaflosigkeit, dass Du ihr ein ganzes Album widmest? Nur Deine eigene?
Minor: Mit Schlaflosigkeit hab ich schon seit meiner Kindheit immer wieder mal phasenweise zu tun. Bei mir ist es noch nicht ganz so schlimm wie bei anderen. Wenn man sich mal eine Dokumentation darüber ansieht, können einem diese Menschen echt Leid tun, weil irgendetwas in ihnen vorgeht, was sie fast ihr ganzes Leben lang nie zur Ruhe kommen lässt und ein normales Leben fast unmöglich macht. Und wer selber einmal darunter gelitten hat, kann das sehr gut nachvollziehen. Es ist eine Mischung aus Unruhe, Ängsten, Zwängen und Gedanken, die einen nicht loslassen. Und da Teile des Albums unter dem Einfluss dieser Schlaflosigkeit entstanden sind, war es für mich ein guter Weg, das Thema zu verarbeiten.
BODYSTYLER: In Deinem Mini-Booklet hast Du Elias Canetti reden lassen: „Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“. Wolltest Du in deiner Schlafstörungsphase dem entgehen? Wie sehr hat Dich dieser Satz beeinflusst oder tut es vielleicht noch immer, dass Du ihn für wertvoll erachtetest, ihn an andere weiterzugeben?
Minor: Ganz ehrlich: Das Album war schon fertig und es ging ans Artwork. Ich wollte unbedingt noch ein Zitat mit reinbringen, weil ich das schon bei der ersten CD machen wollte, es dann aber gelassen habe, weil ich nichts Passendesfand. Dann habe ich plötzlich dieses Zitat gelesen und dachte mir : Perfekt! Es drückt genau das Geheimnisvolle und Verstörende aus, was ich mit dem Album rüberbringen wollte.
BODYSTYLER: Bringt Dich Deine eigene Musik auch zur inneren Ruhe oder peitscht sie Dich eher auf? Wie gelangst Du dann zur inneren Entspannung?
Minor: Das Musik machen entspannt mich. Zumindest wenn ein Stück fertig ist und ich damit zufrieden bin, stellt sich eine gewisse Ruhe ein. Wenn ich sie selber höre, dann bringt sie mich eher zum Mitwippen bzw. sie pusht. Aber genau das soll sie ja auch. Wirklich entspannt bin ich z.B. bei Spaziergängen in der Natur oder im Urlaub. Ein perfekter Ausgleich zu meinem sonst eher vom Stress geprägten Leben.
BODYSTYLER:Was hast Du Dir für dieses Jahr noch vorgenommen? Urlaub? Tour?
Minor: Erstmal Urlaub, ja. Danach folgt hoffentlich noch der ein oder andere Live-Gig. Der Nächste ist für den 9. September in Chemnitz geplant. Ansonsten bin ich schon wieder am Musizieren, es geht halt einfach nicht ohne...

BODYSTYLER: Weiterhin viel Erfolg!!!
Minor: Vielen Dank! Und danke auch für die guten Fragen. Endlich mal jemand, der sich wirklich die Mühe macht, unter die raue Oberfläche des Album zu blicken. Weiter so! //




Homepage: Myspace.com/Chainreactorxxx

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