Dance Or Die

"Ich singe nicht über Durchfall, sondern rede nur gern über Krankheiten!"


Kaum hat man die ersten Gerüchte einer Wiederkehr vernommen, wird einem bewusst, welche Lücke Dance or Die nach ihrem letzten Album hinterlassen haben. Eine ganze Dekade lang ließen die Berliner nichts von sich hören, nur um jetzt mit „Nostradamnation“ ein fulminantes Album an den Start zu bringen. Ansonsten ist es jedoch ruhiger geworden im Hauptquartier.
 
Interview: Torsten Pape //   Foto: Lars Patzek //   
 

"Ich esse japanischen Thunfisch zur Abhärtung!", was man Gary Wagner (r.) aber nur teilweise ansieht

 



 
 

»Im Wedding ist es nicht mehr so prickelnd, eher wie in Islamabad, das war multikulturell belastend. Und Berlin ist was für Investorenkinder und Touristen, genau wie London!«

Gary Wagner zog nach Psychoburbia
 
 
 

 

DANCE OR DIE
"Nostradamnation"
Als wären sie nie weg gewesen, springen einem die Endzeitelektroniker von Dance or Die mit ihrem neuesten Opus ins Sichtfeld. Da ist sie wieder die faszinierende Mischung aus bedrohlichen Atmosphären sowie tanzbaren Beats und Industrialsounds. Und erst der unverwechselbare, unvergleichbar dunkle Gesang vom Herrn Wagner! Jetzt weiß man, was einem gefehlt hat. Da kann sich Nostradamus ruhig ein bisschen verrechnet haben und Armageddon auf sich warten lassen. Ohne Mundschutz und Gasmaske geht es dem Untergang entgegen und mit dem hier gelieferten Soundtrack macht es noch mehr Vergnügen. Nur die Harten kommen in den Garten! Gratis gibt’s ein paar Lektionen in Mythologie und Numerologie sowie eine Bonus-CD mit zum Teil ordentlich aufgepeppten Band-Klassikern. (Torsten Pape)
VÖ: 10.06.11 // Out Of Line

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

an achtet auf seine Gesundheit und verpasst nur knapp die Gelegenheit über Durchfall zu singen, was angesichts der nervigen EHEC-Panikmache bestimmt einen Chartseinstieg bedeutet hätte. Gary Wagner, Sänger und Chefmythologe, war so freundlich, sich einen Finger beim Antworten wund zu tippen.


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BODYSTYLER: Zehn Jahre Abstinenz sind eine lange Zeit. Wie sehr habe ich - und mit mir bestimmt einige andere – Eure einzigartige Kombination aus dunklem Gesang und (Gothen-)Electro vermisst! Woran habt Ihr gemerkt, dass die Zeit reif für ein neues DOD-Album ist?
Gary Wagner: Recht herzlichen Dank für dieses Kompliment! Die Zeit war wirklich viel zu lang. Ich müsste mich eher dafür entschuldigen, dass Ihr so lange warten musstet.
BODYSTYLER: Gary, darf ich mich nach der ADHS erkundigen? Wie sehr bestimmte sie in den letzten Jahren Deinen Lebenslauf und die Entstehung des Albums?
Wagner: Ist kaum noch ein Problem. Das geht mit den Jahren weg. Gut, dass ich keine 20 mehr bin. Da war ich der weggespacete Adrenalinman mit seinem Gehilfen Speedboy. Es sind eher die lästigen Lebensmittelallergien, die mich nerven. Einfluss hat so etwas nicht auf die Musik. Ich singe ja nicht über Durchfall, sondern rede nur gerne über Krankheiten.
BODYSTYLER: Ein erstes Indiz für Eure Rückkehr war Dein Gastauftritt bei Nik Pages Blind Passenger-Projekt. Was kannst Du über diese Zusammenarbeit, den Kontakt zu Nik und den Song erzählen?
Wagner: Ich bin seit vielen Jahren mit Nik befreundet. Er wohnt im Nachbarkaff. Wir haben schon öfter zusammen gearbeitet. Den Song habe ich nicht geschrieben, da kann ich Dir nichts zu sagen.
BODYSTYLER: Wart Ihr einmal eine Single-Band und seid nun eine Album-Band?
Wagner: Niemals, das Gesamtkunstwerk stand immer im Mittelpunkt.
BODYSTYLER: Empfindet Ihr das Album als Ansammlung von Songs oder eher als geschlossenes Ganzes? Ich finde, dass es (noch mehr als “Schlafende Energie”) monolithischen Charakter hat.
Wagner: Absolut richtig, wobei es immer einzelne Stories sind, die sich irgendwo treffen.
BODYSTYLER: Hat sich eigentlich Eure Arbeitsweise verändert? Ich denke da an die sehr groben, rudimentären Fundamente, auf denen früher nach und nach Eure komplexen Soundgebilde entstanden sind.
Wagner: Wir brauchen keine Haarbürsten mehr in die Badewanne schmeißen und mit Echo aufnehmen. Es gibt auch keine Styrogesangskabine auf dem Dachboden mit abgesägtem Wasserrohr als Kabelschacht. Schadet aber nicht der Kreativität, geht nur schneller.
BODYSTYLER: Das Booklet meiner “Everspring”-CD weist mittlerweile schon erhebliche Abnutzungserscheinungen auf. Es ist auf Grund der enthaltenen Texte so dick, dass es zwangsläufig beschädigt werden muss, wenn man sie des Öfteren lesen will. Auf dem letzten Album waren leider keine Texte enthalten, obwohl Ihr augenscheinlich viel zu sagen hattet. Wie wird das mit “Nostradamnation” sein, das ja erneut viel Tiefgründiges zu bieten hat?
Wagner: Wir arbeiten eher grafisch mit den Texten, es wäre aber ein Idee, sie im Netz zu veröffentlichen, damit das Booklet nicht wieder zerfleddert.
BODYSTYLER: Apokalyptische Theorien sind nicht erst seit dem Titel des aktuellen Albums ein Thema bei DOD. Angesichts der aktuellen Katastrophenlage und des allgemeinen Verfalls der humanistischen Werte stellt sich vielleicht manch einem wahrscheinlich die Frage, ob er den Weltuntergang nicht vielleicht doch live auf RTL miterleben wird. Wie sieht Eure Prognose aus und welchen Einfluss haben solche Dinge auf Euren Alltag?
Wagner: Ich sehe mich nach verlassenen Gegenständen um, wechsle das Zugabteil, wenn da zu viele Häkelmützen mit Vollbart rumhängen und esse japanischen Thunfisch zur Abhärtung.
BODYSTYLER: Über die Jahre konnte man mitbekommen, dass Ihr Euch mit der Band, aber auch privat mit vielen mythischen, religiösen und historischen Dingen auseinandersetzt. Mir ist aufgefallen, dass Ihr diesbezüglich Eure Internetauftritte gar nicht nutzt, um dieses Wissen zu teilen und Verweise auf Quellen zu geben. Wäre das nicht eine tolle Möglichkeit / Plattform, um Eure Fans noch klüger zu machen?
Wagner: Das wäre zwar eine gute Idee, aber ich lasse lieber die Musik sprechen, als mich auf gefährliches Terrain zu begeben.
BODYSTYLER: Dann frage ich doch einfach mal ganz direkt nach den Hintergründen eines Songs wie “Novus Ordo Seclorum”. Die Neuordnung der Zeit kann ja verschiedenartig gedeutet werden...
Wagner: Da geht’s um die neue Weltordnung, um den von Massini und Pike 1875 entworfenen Plan. Lest mal im Netz über dieses Thema!
BODYSTYLER: Bei der Entschlüsselung der Zahlenfolge “4 3 2” öffnen sich zwangsläufig zu viele oder gar keine Wege / Lösungsansätze. Es wird ja wohl kaum die taktische Aufstellung beim griechisch-römischen Hallen-Halma sein, oder? Viele werden Euch danach fragen. Bekommt der Bodystyler eine Antwort?
Wagner: Es handelte sich um die Nummer meines Rasenmähers. Nee, da hat sich Otto Siegfried Reuther 1925 hingesetzt, um eine Numerologie aus allen indogermanischen Mythologien zu entwickeln. Da kam 432 bei heraus. Genauso viele Sekunden hat ein Nichtschaltjahr, genauso viele Jahre ein indisches Yuga (Gotteszeitalter), 432000.

BODYSTYLER: Das letzte Album beschloss der “Retroboy”, jetzt findet man an dieser Position den “Lo boy truck”. Zufall?
Wagner: Totaler Zufall.
BODYSTYLER: Ich kann mir vorstellen, dass Du eine fundierte und ausgefeilte Meinung zum Internet und der dort stattfindende Vernetzung / Kommunikation habt. Wie steht Ihr zu Facebook, myspace & Co? Was sagt Ihr zur aktuellen Microsoft-Einverleibung von Skype?
Wagner: Da fragst du den Falschen, ich mühe mich gerade ab, das Interview mit einem Finger zu tippen.
BODYSTYLER: Du hast einmal gesagt, dass nichts gotischer ist als schwarzer Humor. Worüber könnt Ihr lachen und enthält das aktuelle Werk gar wieder Humor, Sarkasmus und Ironie?
Wagner: Es ist eher ein ernsthaftes Werk, ist ja auch kein Thema, über das man lachen kann, keine Durchhaltescheiße, sondern die Zeitung von übermorgen.
BODYSTYLER: Als Berliner möchte ich Dich fragen, wie Du die Entwicklung der hiesigen Band-/Clubszene oder ganz allgemein der musikalischen Infrastruktur beurteilst. Wie dicht bewegst Du Dich am Puls der Undergroundkultur?
Wagner: Zwei meiner Musiker sind DJs in hiesigen Wave-Clubs, wir sind also gut auf dem Laufenden.
BODYSTYLER: Wie hat sich die Stadt ansonsten für Dich entwickelt? Positiv oder negativ?
Wagner: Ich bin rausgezogen nach Psychoburbia. Im Wedding ist es nicht mehr so prickelnd, eher wie in Islamabad, das war multikulturell belastend. Berlin ist was für Investorenkinder und Touristen, genau wie London.

BODYSTYLER: Bis jetzt ist nur Euer Auftritt beim WGT bestätigt. Ich hoffe jedoch sehr, dass es noch weitere Gelegenheiten geben wird, Euch live zu erleben. Könnt Ihr diese Hoffnung nähren?
Wagner: Da kannst Du einen drauf lassen. //




Homepage: Dance-or-die.de

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