uer Album "Achtung! Alpha" wird auf Wannsee Records, dem Label von Nik Page, veröffentlicht. Wie kam es zu dem Deal mit Wannsee?
Elias Matt: Nik kenne ich jetzt seit 20 Jahren, seit den Anfangsjahren der Blind Passengers. Er hat in einem Gespräch irgendwann unkompliziert seine Zusammenarbeit für dieses Projekt angeboten. Gesagt! Getan! Zack-Zack! Nik ist ein verbindlicher, korrekter und zuverlässiger Mann. Für uns war die Zusammenarbeit mit Wannsee Records sofort die beste Lösung. Wir haben gar nicht weiter akquiriert.
BODYSTYLER: Akqui… was? Egal. Offenbar seid Ihr große Freunde analoger Klangerzeugung. Du hast mal gesagt, Du bekommst sogar Kopfschmerzen von modernen Digital- und Software-Synthesizern. Aua, aua. Auch Kraftwerk werden immer wieder als große Inspiration in Eurer Biografie genannt. Was macht für Euch die enorme Faszination an der Musik von damals aus?
Matt: Wir sind völlig anachronistische Subjekte. Alles, was zeitlich weit zurückliegt, wirkt so schön verklärt. Und progressiv sein zu müssen ist furchtbar anstrengend. Gerade in Berlin werden wir vor lauter Fortschritt und Zeitgeist manchmal fast meschugge. Der Ansatz für unser Projekt kam aber dadurch, dass wir einen alten ARP-Odyssey-Klanggenerator, Baujahr 1972, bekommen haben. Was da raus kam, war einfach grausig schön im Gegensatz zum digitalen Dünnbier von Software. Das war spannend. Da kam erst mal nichts und später immerhin Rauschen und Brummen raus. Wir bewundern die Leute, die damals mit diesen Geräten Musik gemacht haben. Wir wollten das selbst versuchen und erleben. So war das Nachspüren der Arbeit der Elektro-Musikanten früherer Pionierzeiten eben neuer und spannender für uns, als einfach nur mit der Computermaus bequem Sounddatenbanken zu durchsuchen.
BODYSTYLER: Neben Sounds der 80er Jahre, erinnert Eure Musik auch stark an Eurodance. Waren Dr. Alban & Co jemals ein Einfluss für Euch?
Matt: Einflüsse aus dieser Richtung sind mir nicht bewusst. Aber, welche Eindrücke letztlich in Musik einfließen, kann man ja als Musiker selbst nicht so klar erkennen, wie Du es vielleicht tust. Wir sind da nicht beschränkt und offenen Geistes, wenn uns jemand mit solchen Eindrücken überrascht. Warum nicht Achtziger Retro-Pop gemischt mit Gothic-Eurodance, nachdem Blutengel und andere sogar Gothic-Schlager etabliert haben? Wir finden auch ABBA und AC/DC gut. Hört man das auch?
BODYSTYLER: Nö, aber apropos Gothic-Schlager: In Eurer Ankündigung zum neuen Album ist von der totalen Verweigerung gegenüber Szeneklischees die Rede. Die Themen und sprachlichen Bilder, die Ihr verwendet sind aber doch typisch für die Düsterszene. Wie hebt Ihr Euch Eurer Meinung nach dennoch von anderen Veröffentlichungen aus dem Genre ab?
"Wir sind der Archetyp des Klischees einer Retro-Szene-Musikgruppe!«
Matt: Steht das so in der Presseinfo? Ich finde, wir sind der Archetyp des Klischees einer Retro-Szene-Musikgruppe. Das einzige, was ich behaupten kann, ist, dass ich auf der Bühne nicht am Mikroständer stehe und versuche wie Dave Gahan zu tanzen. Das kann ich nicht. Dafür entgleisen mir erfahrungsgemäß eher mal das Gesicht oder die Hände in neurotische Zuckungen. Und ich werde weder in Videos noch auf Fotos oder sonst wo bemüht böser gucken, als ich eigentlich bin. Ansonsten fühlen wir uns eigentlich ganz wohl mit vielen Attitüden der Szene.
BODYSTYLER: Das dachten wir uns schon, denn auch das Weltbild, das Ihr in Euren Texten zeichnet ist – ganz in Gothic-Manier - nicht sehr hoffnungsvoll. Wie ist das Leben im Angesicht der Unterdrückung von Alpha-Persönlichkeiten dennoch erträglich? Kann Zynismus ein Ausweg sein?
Matt: Nun, weniger Zynismus, als eher Ironie und vielleicht auch Selbstironie. Ich merke aber übrigens gerade, dass so ein Interview sehr hilfreich ist, um die eigene Selbstwahrnehmung zu hinterfragen. Eigentlich dachte ich, dass wir eine total positiv anregende Retro-Pop-Platte gemacht haben, wenn auch mit ein paar Moll-Akkorden. Aber man kommt wohl aus seiner Haut nicht raus. Im Endeffekt popeln wir doch immer wieder in den Wunden der bösen Menschheit rum. Also, Zynismus hilft uns da nicht raus. Etwas Ironie lindert zumindest Weltenschmerz. Letztlich mahnen wir subtil ironisch vor der Alpha-Figur und dessen Glorifizierung.
BODYSTYLER: Kommen wir von der Philosophie mal zu den harten Fakten. Stichwort: Vermarktung. Werbeplakate, Hochglanzvideos, Vorabsingles - Ihr verzichtet auf den typischen Promotion-Rummel und bewerbt Euer Album stattdessen mit einem Video einer "Propagandarede". War das Marketing-Budget zu klein oder ist das künstlerische Konsequenz, Eure Scheibe auf diesem Wege zu bewerben?
Matt: Wir lassen ja nur die Veröffentlichung einer Vorab-Single weg und zeigen eine erbauliche Rede. Die soll unterhaltsam und ich sag mal anregend für die Menschen sein und unser Album würdig einführen. Was soll dieser Anfütter-Klecker-Kram mit dem man den Leuten gnädig schon mal einen Brocken hinwirft. Dann doch gleich das Album. Wir haben das einfach aus dem Bauch heraus so gemacht. Zum Glück quatscht uns da keiner rein. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur meschugge und habe keine Ahnung von Marketing. //
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