Emmon

"Schweden sind sehr empfindlich in Bezug auf Stil und Trends!"


Europaweit versuchen sich Künstler im poppigen Drücken ihrer Synthesizer-Tasten. Während in England die Väter und Idole des Genres hocken, beißen sich in Deutschland Schwiegermutters Lieblinge die Zähne an dem Versuch einer erfolgreichen Kopie aus. Und in Italien sind sie alle nur noch Gaga. In Schweden indes veröffentlicht Emma Nylén mit ihrem Projekt Emmon ihr drittes Album Nomme und alles kehrt sich um.

 
Interview: Spider //   
 

Emma aus Mora: Nicht religiös forscht sie für Emmon durchaus auch in den neun Kreisen der Hölle

 



 
 

»Wenn der Verkauf von Alben und CDs zurückgeht, müssen die Künstler irgendwo Geld her bekommen!«

Und darum wird die Gage höher!
 
 
 
 

EMMON
"Nomme"
Ein Silberling in einer schlicht gestalteten Hülle präsentiert uns die Schwedin Emma Nylén, die unter dem Projektnamen Emmon musiziert. Legt man diesen in die Musikanlage und drückt auf Start, vernimmt man einige minimalistische elektronische Töne und denkt sich: Ok, mal wieder ein Werk, das mehr Kult als Können ist. Just in diesem Moment setzen gleich einer Sinnesexplosion die Beats und Melodien ein und alles ist Disco. Man springt auf und hofft, dass man ein paar gewagte Moves hinbekommt, während man sich von Emmas Stimme leiten lässt, die gleichermaßen zuckersüß als auch kühl betörend ist. Wie schafft es dieses skandinavische Völkchen nur immer wieder gleichzeitig so herrlich poppig und charakteristisch zu sein? Vielleicht kommt's von dem leichten Schuss Melancholie, der stets beigefügt wird und so lebensnah ist. Wer ist nicht schon mal morgens auf dem Flur aufgewacht und hat seine Sorgen im „Ghost dance“ abgeschüttelt. (Spider)
VÖ: 07.06.11 // Wonderland

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

ein Album steht nicht nur im Titel Kopf - es verdreht einem auch den Kopf. Wie schaffst speziell Du es, aber auch die Schweden allgemein, das Euer Pop immer so inspirierend frisch und niemals abgedroschen und platt klingt.


Anzeige | Eigene schalten »



Emma: Das kommt durch die Finsternis, die uns sechs Monate im Jahr im Norden umgibt. Um zu überleben, entwickelten wir eine spezielle Art des instinktiven Gefühls für großartige Künste.
BODYSTYLER: Ach so einfach?
Emma: Ernsthaft, ich habe keine Ahnung. Vielleicht, weil wir uns einfach voneinander inspirieren lassen. Schweden ist solch ein kleines Land, besonders in der Musik-Szene. Ich denke, dass wir einander gern beeindrucken und den Mut haben zu experimentieren. Doch genauso haben wir Angst zu scheitern, und deshalb muss die Qualität gut sein. Schweden sind im Allgemeinen sehr empfindlich in Bezug auf Stil und Trends. Wie Heidi Klum immer sagt: "An einem Tag bist Du in und am nächsten Tag bist Du out“!

Wichtig ist bestimmt auch dass man so bodenständig bleibt wie unsere Heidi sich verkauft. Immer aufstehen, wenn man mal am Boden liegt.
BODYSTYLER: Dein Song „Ghost dance“ beschreibt eine Geschichte, die wohl jeder immer wieder erlebt, ob man nun wirklich auf dem Boden aufwacht oder das nur als Metapher der Gefühle sieht. Doch Du tanzt die bösen Geister so wunderbar hinweg. Musst Du das oft machen oder gehst Du eher leichtfüßig und sorgenfrei durchs Leben?
Emma: Ich mag es, dass meine Lieder auf viele verschiedene Weisen analysiert werden können. Es liegt am Zuhörer, wie er auf die Töne und Texte reagiert. Mein Job ist, Ambiente und Geschichten zu schaffen, in denen sich jeder erkennt und sich darauf beziehen kann. Wenn ich arbeite, sehe ich mich als eine Art Filmregisseurin, weil ich häufig mit Bildern und Szenen in meinem Kopf spiele, während ich die Musik schaffe. Musik ist eine Art Therapie für mich, um dunklere Gedanken und Gefühle zu ventilieren. Und ich denke, dass dies ganz gut funktioniert, da ich denke, dass die meisten Menschen mich als eine glückliche und fröhliche Person sehen

Genau diese tiefsinnige Fröhlichkeit vermittelt auch das Video zum Song:
BODYSTYLER: Wie reagierten die Passanten beim Videodreh zum Song?
Emma: Das Video zu "Ghost Dance" wurde auf dem Flughafen Tempelhof und den Straßen Berlins von meinem wunderbaren Videodirektor und Live Drummer Toni Ahola gedreht, der zurzeit in Berlin lebt. Als wir das Video drehten, stoppten die Leute und schauten zu wie ein Publikum und fragten, was wir da machen. Ich verstehe warum (lacht).

Dit scheene Berlin. Die Stadt nicht nur der Musikkapellen.
BODYSTYLER: Wenn du zur Beichte in der „Oratory“ gehst, kommt der Priester danach mit roten Ohren aus dem Beichtstuhl? Verrätst Du uns exklusiv eines Deiner kleinen Geheimnisse? Um ernsthaft zu bleiben, was hältst Du von Religion?
Emma: Ich bin in jedem Fall nicht religiös. Ich bin ein Denker. Ich verstehe, dass es für viele Menschen wichtig ist, Pfaden im Leben und den verschiedenen Regeln zu folgen, mit denen Sie erzogen werden. Leider erzeugt Religion mehr Katastrophen und Vorurteile, auch wenn sie es gut meint. Der Song "Oratory" kam mir in den Sinn, als ich das Inferno von Dante und über "die neun Kreise der Hölle" (die verschiedenen Arten von Strafen für Sünder) las. Diese unterscheiden sich nicht sehr von all den Kriegs- und Terrorszenen, die Du jeden Tag in den Medien siehst. Kriege und Konflikte sind durch Religionen hervorgebracht.

Damit ist eine Beichte nicht nötig und die Geheimnisse muss man in den Texten von Emmon aufspüren. Kein Geheimnis ist, dass der Kommerz unsere kleine heile Musikwelt bedroht.
BODYSTYLER: Du solltest dieses Jahr auf dem Arvika-Festival spielen, dass trotz exzellenter Besetzung zwecks mangelnden Ticket-Verkauf abgesagt wurde. Wie schwierig ist es heutzutage für alternative Bands Konzerte zu spielen ohne Bankrott zu gehen?
Emma: Es ist im Moment sehr hart. Als wir mit meiner Pop-Band Paris vor ein paar Jahren am aktivsten waren, war das ein echter Unterschied. Jetzt ist die Konkurrenz in der Szene, um in Clubs und auf Festivals zu spielen, viel offensichtlicher. Wenn der Verkauf von Alben und CDs zurückgeht, müssen die Künstler irgendwo Geld her bekommen, und darum wird die Gage höher. Die Promoter müssen mehr zahlen, und das Geld wird mit weniger Künstlern geteilt. Hoffentlich werden wir das schöne und lebendige Spiel zwischen den Künstlern, dem Publikum und den Promotern sehr bald zurückbekommen. Die Annullierung des Arvika Festivals kann vielleicht ein Weckruf sein, der auffordert, dass jeder versteht, dass wir von einander abhängig sind, auch wenn ich darüber sehr traurig bin.

Ich kann schönen Frauen nicht traurig sehen, was mach ich da nur?
BODYSTYLER: Wollen wir persönliche Dinge aus unserer Wohnung tauschen? Ich würde Dir ein aufblasbares Alien, eine Schalke04-Basecap und ein Ostalgie-Spiel geben. Was würde ich dafür von Dir bekommen?
Emma: Du kannst ein kleines Dalecarlia Pferd aus meiner Heimatstadt Mora bekommen, wo sie gemacht werden. Mein Synthesizer Yamaha CS-5 - den will ich aber zurück - und ein Grafikposter von einem meiner Idole: Pj Harvey.

Spitze, daraus fabriziere ich eine neue Version des Synth Pop-Klassikers „Es steht ein Pferd auf dem Flur“ - gesungen von Pj Harvey! //



Homepage: Emmon.se
© 2011 // BODYSTYLER Electrozine //


Das kostenlose Electro-Abo von BODYSTYLER! Immer die neueste Ausgabe als e-Book in Deinen E-Mail-Briefkasten? E-Mail:


 
 
Anzeigen | Eigene schalten »