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The Human League

"Wer will uns jetzt noch verdrängen?
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Plötzlich ist es da, das neue Album von The Human League. Rund zehn Jahre haben Philip Oakey, Joanne Catherall und Susan Ann Sulley die Welt auf „Credo“ warten lassen. Nun erscheint es offiziell am 11. März 2011. Und schon sind wir mitten drin...
 
Interview: Manfred Thomaser //   Foto: Spiros Politis //   
 

Human League: Nie intellektuell, nie komplex

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»Es scheint, dass mittlerweile die Synthesizer mal wieder die Gitarren verdrängen!«

Oakey hat die Jahre des Rock überlebt
 
 
 

The Human League
"Credo"
Machen wir es kurz: Diese Band war in den Achtzigern für mich und die elektronische Musikwelt unglaublich wichtig und enttäuscht nun über weite Strecken. Jeder Pups macht heutzutage elektronische Popmusik - mal mehr, mal weniger erfolgreich. Insofern müssen sich The Human League einer nahezu unermesslich großen Konkurrenz stellen. Im Vergleich mit dieser schneidet die Formation zumindest teilweise gar nicht so schlecht ab. Zwar klingt etliches auf „Credo“ ein wenig kurzatmig, was die Song-Ideen angeht – hin und wieder jedoch blitzt das große Können der Briten beeindruckend auf. Was „Credo“ schließlich das Genick bricht, ist die Vergangenheit, ist der Kultstatus von The Human League, der einen gewaltigen Schatten wirft, aus dem diese neue CD nicht heraustreten kann. (Brunner)
VÖ: 11.03.2011 // PIAS

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ehn Jahre sind eine lange Zeit, wenn man sie vor sich hat. Jetzt sind sie vorbei. Warum mussten eure Fans so lange auf ein neues Album warten?
Philip Oakey: Wir haben uns 2001 nach „Secrets“ entschieden, eine kompositorische Auszeit zu nehmen. Noch während wir die Veröffentlichung vorbereiteten, ging unsere Plattenfirma pleite. „Secrets“ hatte keine Chance, ein erfolgreiches Album zu werden. Anfang 2000 zeichnete sich zudem ab, dass sich in der Musikindustrie vieles verändern würde. Das Internet stellte alles auf den Kopf. Wir haben gesagt, lasst uns abwarten, in welche Richtung die Branche geht. The Human League kommen aus einer Zeit, in der Plattenfirmen die Alben ihrer Bands vorfinanzierten und die Ausgaben über den Verkauf meistens wieder einspielten. Heute ist das kaum noch möglich, da weniger Tonträger verkauft werden. Wir haben uns in den letzten Jahren dementsprechend auf unser Konzertprogramm konzentriert und den Tag abgewartet, an dem das Komponieren von Musik wieder in den Fokus geriet.
BODYSTYLER: Dabei sieht es am Markt 2011 viel schlimmer aus als beispielsweise 2002.
Oakey: Wenn man die Jahre miteinander vergleicht, sieht es 2011 sehr viel schlimmer aus, richtig. Heutzutage werden noch weniger CDs verkauft. Eine Folge davon ist: Immer mehr Musik wird unter amateurhaften Verhältnissen aufgenommen. Aber: Das ist gleichzeitig eine sehr demokratische Grundlage. Früher brauchte man eine große Industrieverzweigung, um seine Musik weltweit zu veröffentlichen. Heute kann es praktisch jeder von zu Hause aus machen.
BODYSTYLER: Mit dem Älter werden verlieren viele Musiker die Ausstrahlung ihrer frühen Jahre. Manchmal darf man das durchaus als Weiterentwicklung betrachten, sicherlich aber nicht immer und überall. „Credo“ klingt dagegen nicht weniger glamourös und druckvoll als eure frühen Werke.
Oakey: Ich weiß nicht, warum viele Menschen mit dem Altern gemäßigter werden. Früher habe ich Bryan Ferry sehr verehrt. Er war unglaublich radikal. Heute veröffentlicht er mehr oder weniger nur noch Balladen. Das ist nie mein Ding gewesen. Bevor wir „Credo“ aufnahmen, habe ich viel Zeit in den Clubs verbracht. Ich wollte hören, welche Einflüsse das Nachtleben prägen. Ich mag laute Platten und werde vermutlich nie etwas anderes machen.
BODYSTYLER: Kein Wunder also, dass „Night People“ als erste Single aus „Credo“ ausgekoppelt wurde?
Oakey: Wir verfolgten den Wunsch diesen Song in die Clubs zu bekommen. Allerdings wollten wir nur, dass die DJs ihn auflegen und spielen. Es war die Entscheidung unserer neuen Plattenfirma „Wall of Sound“, den Song als Single zu veröffentlichen. Und das ist eine gute Sache für uns. Ohne Plattenfirma hätte ich „Night People“ vermutlich auf eine Maxi-Scheibe gepackt, um den DJs noch etwas fürs Nachtprogramm anzubieten.
BODYSTYLER: Und den nahenden Tag begrüßen wir dann mit „Sky“?
Oakey: In den letzten Jahren kamen sehr viele Vampir Geschichten in den Handel und ins Kino. Eigentlich habe ich mich davon nicht beeinflussen lassen wollen, aber der Song entstand dann doch und erzählt von der Begegnung mit einem Vampir. Das alles hat etwas vom „fliegenden Holländer“. Es geht darum, dass jemand nach seinem Tod voller Unruhe durch die Welt rast bis er jemanden findet, der an seine Stelle tritt und ihn ersetzt.
BODYSTYLER: Und „Breaking The Chains“?
Oakey: Darin geht es um die Feststellung, dass niemand von uns ein weltverändernder Rebell ist. Aber für jeden von uns bleibt es wichtig, sich nicht an alles und jeden anzupassen. Manchmal muss man auch fragen, ob andere Menschen ins eigene Bild passen. Es geht also darum, den eigenen Weg zu finden/gehen.

BODYSTYLER: Nachdenkliches Textwerk verpackt in wunderbar poppige Arrangements? Das versteht leider nicht jeder.
Oakey: Yeah! Die Songtexte entstehen zuerst, aber um ehrlich zu sein, die Musik ist mir grundsätzlich immer wichtiger als der Text dazu. Das liegt auch daran, dass ich kein Vertrauen in Musiker habe, die sich als Rebellen betrachten. Du musst an etwas Glauben, damit fängt alles an. Darüber reden alleine hilft nicht. Taten müssen folgen.
BODYSTYLER: Mit welchen Hoffnungen habt ihr dementsprechend 1984 „The Lebanon“ veröffentlicht?
Oakey: „The Lebanon“ war ein sich Beklagen darüber, dass niemand der Welt mitteilen wollte, was im Libanon geschah. Ich sehe mir drei-, viermal am Tag die Nachrichten an und ignoriere die Probleme in dieser Welt nicht. An zu vielen Orten werden Menschen von anderen schlecht behandelt. Ich bin mir bewusst, dass sich daran auch in 1.000 Jahren nichts geändert haben wird. Aber natürlich möchte ich es dabei nicht belassen. Ich bin ein großer Optimist und glaube, dass sich die Menschheit von Dekade zu Dekade verbessert. Parallel geschehen permanent und weltweit schlimme Dinge. Dennoch glaube ich, dass sich in Sachen Menschlichkeit insgesamt vieles verbessert hat – wenn auch nicht überall.


Philip Oakey:
»Ich habe kein Vertrauen in Musiker, die sich als Rebellen betrachten!«



BODYSTYLER: In welcher Position siehst Du Dich dabei heute als Musiker?
Oakey: Man muss realistisch bleiben, d.h. das letzte Mal, als Musiker die Bevölkerung wegen einer menschenverachtenden Situation aufrütteln konnten, war zu Zeiten des Vietnam-Kriegs. Damals gelang es, eine Opposition zu bilden und diese mit anzuführen. Jeder einzelne wurde daran erinnert, verantwortlich zu sein. Es gelang, einen Prozess des Umdenkens in Gang zu setzen. Wenn eine Regierung sagt, „wir gehen jetzt in ein anderes Land und töten dort alle Menschen, die unsere ‚Philosophie‘ nicht teilen“, kann es ja durchaus sein, dass diese Regierung völlig falsch liegt mit ihrem Selbstverständnis. Es ist wichtig, die Menschen anzuregen, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn die Bevölkerung zum Ausdruck bringt: „wir wollen nicht, das IHR das macht und werden euch auch nicht wieder wählen“, dann lässt sich etwas verändern.
BODYSTYLER: Kommen wir zurück zum neuen Album. Das Sheffielder Duo „I Monster“ hat „Credo“ produziert. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Oakey: Vor einigen Jahren habe ich an zwei Songs mitgewirkt, die Dean Honer von I Monster damals produzierte. Wir haben uns danach aus den Augen verloren, bis ich ihm in einer Bar bei mir ums Eck wieder begegnete. Er fragte, was ich gerade so mache. Wir waren damals mit den ersten neuen Kompositionen beschäftigt. Und Dean bot sich als Remixer an. Wir haben ihm drei Songs vorgespielt. Und das erste, was er sagte, war: „Wir müssen die Strukturen vereinfachen.“ Ich denke, er spürte sofort, was den Songs fehlte. I Monster sind eher jazzy und im Lounge-Bereich tätig, aber sie haben absolut verstanden, wie The Human League sind. Als sie uns ihre Versionen der ersten Songs präsentierten, war alles klar. Dabei haben wir nie diskutiert, welches Bild wir vom neuen Album haben. Unsere Musik war nie intellektuell oder komplex. Und ich denke, I Monster haben mit ihrer Produktion ein Album hinterlassen, dass unseren eigenen Vorstellungen mehr entspricht, als es bei allen zuvor veröffentlichten Scheiben der Fall war.
BODYSTYLER: Wirklich?
Oakey: Ja, und ich weiß nicht, wie sie es angestellt haben. Um ehrlich zu sein, die meisten Produzenten haben in unserer Bandhistorie nach ihren eigenen Vorstellungen gearbeitet. I Monster haben das gemacht, was ich machen würde, wäre ich nur begabt genug dafür.
BODYSTYLER: Dazu passt eine Aussage von Susan Ann Sulley, dass The Human League als Band aus zwei Frauen besteht, die nie einen Song komponiert haben, und einem Sänger, der sich selbst nicht als Sänger sieht.
Oakey: Wir betrachten uns tatsächlich nicht als Musiker. Wir lieben Pop-Musik und möchten ein Teil davon sein.
BODYSTYLER: Im Gegensatz zu diesem Selbstbild steht ein weltweiter Erfolg mit über 20 Millionen verkauften Tonträgern.
Oakey: Yeah! Wir kommen aus einer Zeit, als Musik eine sehr persönliche Sache war. Heute ist sie vor allem ein hartes Geschäft. Und wir glauben nach wie vor an all die guten Eigenschaften von Pop-Musik, die uns bereits vor 20, 30 Jahren angetrieben haben. Ich schreibe meine Songs noch immer aus den gleichen Beweggründen und nutze die gleichen Synthesizer wie damals.
BODYSTYLER: Viele erfolgreiche Bands der 1980er Jahre hatten große Schwierigkeiten, die 90er zu überstehen. In den 1980ern habt ihr als The Human League beispielsweise doppelt so viele Studio-Alben veröffentlicht wie in den 90ern… und nicht nur deshalb auch sehr viel mehr verkauft. Ist Musik nichts anderes als eine Modeerscheinung, d.h. der Erfolg ist eine Frage von Trends?

Oakey: Jede Generation lehnt die grundsätzlichen Themen ihrer jeweiligen Vorgänger ab. Vielleicht findet unsere Musik mittlerweile wieder mehr Gehör, weil es Zeit für einen Wandel war. Die letzten Jahre über wurde der britische Markt dominiert von Gitarrenbands. Das begann in den frühen 1990ern mit Oasis und Blur, wurde über Razorlight und Interpol fortgesetzt etc. Und mittlerweile scheint es, dass die Synthesizer mal wieder die Gitarren verdrängen. Wir haben diese Jahre des Rocks überlebt. Wer will uns jetzt noch verdrängen?
BODYSTYLER: Das lässt auf weitere Human League Alben hoffen…
Oakey: Ich habe den Entstehungsprozess von „Credo“ sehr genossen und habe vielleicht mehr als je zuvor realisiert, dass mein Leben schlichtweg mit Musik einhergeht. Geh mal davon aus, dass ich bis an mein Lebensende Musik machen werde. //



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