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Hurts

"Hurts war die letzte Chance, die wir uns selbst gaben!"


Dem stylischen Electropop-Duo aus Manchester ist dieser Tage nur schwerlich zu entkommen; im Radio, bei YouTube als auch im TV läuft sich die kommende Single und Überhymne "Wonderful Life" bereits wund und verklebt mannigfach das kollektive Ohr, um schon mal den Weg für das nachfolgende Album "Happiness" frei zu räumen.

 
Interview: Fräulein Beymer // Fotos: Laurence Ellis // © 2010
 

"Warum hast du einen Plattenvertrag unterschrieben? Warum schreibst du Musik?"

 
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»Adam filmte Hunde, die um die Bahn liefen. Vielleicht wäre ich jetzt Wissenschaftler!«
Theo Hutchcraft
 

Illustration by Norman Winter [+] Vergrössern
 
 
Hurts "Happiness"
VÖ: 27.08.10, Four Music Nach dem Blog-Hype nun also auch das Album der beiden Jungs aus Manchester. Die zwar schon bisher irgendwie ganz leicht kitschig und gloomy klangen (also: super!), als wären sie die Nachkommen von Ultravox oder Human League, bei denen sich aber mittlerweile auch eine eigenartige Überproduziertheit bemerkbar macht: klanglich sehr Bombast und Effekt und Show und eigentlich ZU dick aufgetragen, und trotz der Ohrwürmer und all der Retro-Tollheit wünscht man sich dann stellenweise doch vielleicht etwas ungeschliffeneres, etwas, das nicht SO offensichtlich auf Samstagabend-Fernsehshowauftritt getrimmt wurde („Sunday“). Dennoch: ein Album mit gerade mal einem schlechten Song („Better Than Love“), mit einigen ganz guten bis tollen, und zwei bis drei unfassbar großartigen („Evelyn“, „Silver Lining“, „Wonderful Life“). Da kann man gerade noch verzeihen, dass Produzenten & Label überreagiert und alles superrichtig (also ein bisschen falsch) gemacht haben. Sind halt aus der Übung, vor lauter Internet. 7 von 10 Haargeltuben. (Frank Lachmann)

 
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InformationHurts.com
Myspace.com/ithurts
 
 
 
 
 
 

Die einen jubeln, die anderen lästern, in jedem Fall lässt sich über Theo Hutchcraft und Adam Anderson unbestritten eines sagen: Da rollt mit voller Wucht und unaufhaltsam das nächste große Ding auf uns zu. Wir holten für euch den schmucken Neuzeit-Dandy und Frontmann Theo ans Telefon, der sich während des Gesprächs ausnehmend gutgelaunt und charmant zeigte. Aber überzeugt euch selbst, liebe Lesefröschchen...

BODYSTYLER: Bevor ihr Hurts ins Leben gerufen habt, waren sowohl Adam als auch du bei den doch eher extrovertierten Daggers unterwegs. In Interviews erzählt ihr ja immer gern, dass "Unspoken" der erste Hurts-Song war. Allerdings gibt es auch von den Hurts-Songs "Better Than Love" und "Evelyn" bereits Versionen aus eurer Daggers-Zeit. Wie kommt das denn dann bitte, wenn man mal so blöd fragen darf?
Theo:
Die beiden waren so ewas wie Übergangssongs. Sie wurden irgendwo dazwischen geschrieben. Wir haben sie geschrieben, als wir letztendlich anfingen, Hurts-Songs zu schreiben, aber wir waren damals noch bei Daggers. Ja, daher ist eigentlich "Evelyn" der erste Hurts-Song, den wir geschrieben haben. Du weißt ja einiges über Daggers. Freut mich, dass jemand Daggers mag.

BODYSTYLER: Ja, Daggers waren schon prima. Und um ehrlich zu sein, mag ich sogar die Daggers-Version von "Better Than Love" etwas lieber als die Hurts-Version, höm.
Theo:
Wirklich?

BODYSTYLER:
Ja, sie ist einfach, äh... etwas treibender.
Theo: Oh, ok... (lacht höflich)

BODYSTYLER: Äh ja, Themawechsel. Ins Rollen kam die ganze Chose mit Hurts ja auch zu großen Teilen aufgrund des auffälligen Videos zu "Wonderful Life". Besonders der, äh, sagen wir mal, eigenwillige Tanzstil der schwarzgekleideten Dame im Video polarisiert ja sehr...
Theo: Ja, sie ist ein Superstar mittlerweile!

BODYSTYLER: Wer ist das eigentlich?
Theo: Wir wissen nicht, wer sie ist. Willst du wissen, wie wir sie gefunden haben?

BODYSTYLER: Klar!
Theo: Ok. Wir haben ein paar Songs geschrieben und wollten ein Video machen. Und wir hatten absolut kein Geld. Wir hatten eine Kamera, die wir uns von jemandem geliehen hatten, und ich wusste, dass ich eine Tänzerin im Video haben wollte. Und ich wollte, dass es gewöhnlich und normal ist. Das ist etwas, das wir oft machen - wir versuchen, gewöhnliche Dinge schön aussehen zu lassen. Anstatt eine professionelle Tänzerin zu suchen, haben wir eine Anzeige in einem Laden in einem wirklich heruntergekommenen Teil von Manchester aufgehängt, auf dem stand "Tänzerin gesucht für Pop Video. Muss schwarz tragen. Bitte dann und dann dort auftauchen". Also saßen wir in diesem Raum, fünf Stunden lang, und niemand kam. Und ich dachte: Ok, wenn jetzt noch jemand kommt, klaut er vielleicht nur die Kamera. Wir wollten also fast schon nach Hause gehen und dann klopfte es an der Tür. Dann kam dieses Mädchen herein, und es war sie, mit genau dem gleichen Kleid, wie du sie im Video siehst, und sagte, "Hi, ich bin hier für das Video". Ich sagte "Ok", hielt die Kamera und drückte auf 'Play' für den Song, und sie fing einfach an zu tanzen. Und es war so faszinierend, seltsam und schön, dass ich nicht aufhören konnte zu filmen. Ich stand hinter der Kamera, drückte auf den Knopf und rannte nach vorne, viele Male, und wir machten dieses Video. Und nach einer Stunde sagte sie, sie müsste jetzt gehen. Adam nahm sie mit zum Geldautomaten und gab ihr 20 Pfund. Das war alles, was wir hatten. Wir bekamen damals 45 Pfund Arbeitslosenhilfe in der Woche. Das war also unser Geld für eine halbe Woche, was viel für uns war. Wir gaben ihr das Geld und sie verschwand einfach. Wir dachten nicht, dass aus dem Video irgendwas wird. Mittlerweile hat es über eine Million Views, und in jedem Interview werden wir nach ihr gefragt. Wir versuchen die ganze Zeit, sie zu finden. Ich habe jeden gefragt, den ich kenne. Und ich dachte, ich wäre nah dran, vor ungefähr zwei Wochen. Jemand sagte mir, dass ein Freund sie kennen könnte. Und ich dachte, wir hätten sie gefunden. Aber es war nicht sie. Wir haben ein neues Video für "Wonderful Life" gemacht, welches eine Hommage an sie ist. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie das Video gesehen hat oder ob sie weiß, dass sie berühmt ist.

BODYSTYLER: Nun ja, sie könnte es mittlerweile wissen. Oder sie hat vielleicht kein Radio, keinen Fernseher und keine Freunde! So, aber was ist eigentlich mit dem Titeltrack von eurem Album, "Happiness" passiert, den ihr ja auch öfter live spielt, warum ist der eigentlich nicht auf dem Album gelandet? So schlecht ist der jetzt ja nicht.
Theo: Es fühlte sich nicht richtig an. Wir werden den Song noch für etwas verwenden. Das wirst du schon noch rausfinden. Es gab einige Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben. Wir nahmen die Songs auf das Album, von denen wir meinen, dass sie das sagen, was wir sagen mussten.

BODYSTYLER: Als es anfing mit Hurts, war über euch als Personen nicht viel zu lesen, und auch jetzt noch umgibt euch teilweise eine gewisse geheimnisvolle Aura…
Theo: Ja, wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir uns präsentieren. Wir wollten bewusst nicht so viele Informationen preisgeben. Es erschien uns wichtig, den Leuten ihre Phantasie zurück zu geben. Wenn wir den Leuten 10% geben und sie den Rest dazu denken lassen, bringt uns das näher zusammen, es brachte die Leute zum Zuhören. Und es war ein Risiko, denn wenn du keine Informationen preisgibst, können die Leute auch das Interesse verlieren. Aber glücklicherweise wurden sie neugierig, aber gleichzeitig fingen sie auch an, sich wilde Sachen über uns auszudenken, nach denen wir manchmal in Interviews gefragt werden. Wir wurden zum Beispiel gefragt, warum wir so tun würden, als ob wir aus Manchester kommen, obwohl wir doch Schweden wären, oder warum wir unterschiedliche Namen hätten, obwohl wir doch Brüder wären.

BODYSTYLER: A propos wilde Gerüchte – man erzählt sich, dass ihr bei Vertragsunterzeichnung bei Sony spontan ein paar recht extravagante Zusatzforderungen ergänzt habt… um genau zu sein, wolltet ihr einen Kamm, einen Regenschirm, eine Dauerkarte für Manchester United, einen Maßanzug, einen Gin Tonic zusammen mit Simon Cowell (Anm.: Englands Juror-Äquivalent zu Dieter Bohlen) und zwei Tickets für den Eurovision Song Contest.
Theo: Sie brauchten eine Weile, um den Kamm und den Regenschirm zu besorgen, daher bin ich die ganze Zeit mit strubbeligen Haaren durch die Gegend gerannt. Und Adam wurde die ganze Zeit nass. Sie haben uns die Eurovision Tickets nicht gegeben und wir haben auch Simon Cowell noch nicht getroffen. Also werden wir die Platte so lange nicht veröffentlichen, bis das passiert ist.

BODYSTYLER: Ich glaub', es hackt! Und wo wir gerade von Simon Cowell sprechen – ihr habt live auch letztens den Song "Once" der englischen X-Faktor-Gewinnerin Diana Vickers gecovert. Habt ihr irgendwie ein Faible für Casting Shows?
Theo: Nein. Nicht wirklich. Aber weißt du, warum wir das gemacht haben? Dieser Song ist einer der düstersten Nr. 1 Singles überhaupt. Der Text ist dermaßen düster! Und wir wollten es so düster klingen lassen, wie es sein sollte. Ich denke, im Herzen eines jeden Popsongs ist eine Menge Dunkelheit, und das ist ein Beispiel dafür. Sie klingen oft sehr leicht und einfach, wie der von Diana Vickers. Aber unter der Oberfläche ist etwas wirklich Trauriges.

BODYSTYLER: Wer hat eigentlich euer Album produziert?
Theo: Wir haben es co-produziert mit Jonas Quant, einem Schweden. Er hat eine Hälfte gemacht und wir haben eine Hälfte gemacht. Er hat alles in Schweden gemacht, und wir sind ein paar Mal nach dorthin gefahren. Vielleicht hast du das Video namens "Pellerin" gesehen. Das ist dort gefilmt, wo wir das Album aufgenommen haben. In einer riesigen, leeren Radiostation im tiefsten Winter. Wir sind eigentlich dorthin gefahren, um drei Monate zu bleiben, aber wir sind schon nach drei Wochen verrückt geworden. Wir waren nur zu dritt, und es gab dort 35 Räume. Und wir konnten nicht nach draußen, weil es so kalt war, minus 20 Grad. Wir sind so verrückt geworden am Ende, dass wir aufhörten, miteinander zu reden. Wir haben hinterher einen Fußball durch den Flur gekickt und haben nicht gearbeitet. Wir haben also viel vom Album in Schweden gemacht, und er ist wirklich ein Genie.

BODYSTYLER: Ihr habt teilweise auch mit einem Orchester gearbeitet, oder?
Theo: Ja, das stimmt. Ehrlich gesagt, war das eine der besten Erfahrungen in unserem Leben. Wir haben den Song "Unspoken" mit Orchester aufgenommen. Und wenn du siehst, wie ein Orchester die Songs spielt, die du in deinem Schlafzimmer auf einem Computer geschrieben hast... das war einfach absolut unglaublich. Wir wollten, dass das Album eine Menge Leben in sich hat, und das kann ein Orchester, denke ich. Es hat viel Gefühl.

BODYSTYLER: Für ein Debütalbum mal so eben einen Song durch ein komplettes Orchester einspielen zu lassen, ist wirklich lässig. Generell scheint ihr eher in großen Dimensionen zu denken. Dafür braucht man allerdings auch eine Menge Selbstbewusstsein, oder?
Theo: Ja, ich denke wenn du Musik machst, musst du auch Selbstvertrauen in deine Musik haben. Denn wenn du nicht überzeugt davon bist, werden es auch andere nicht sein. Du musst den Leuten zeigen, dass du überzeugt davon bist. Sie wollen dir glauben. Und sie wollen daran glauben, was du sagst und was du tust. Aber du musst dir erst bewusst darüber werden, was du machst. Du musst dir bewusst darüber werden, was dein Talent ist und worin du nicht gut bist. Und dann wirst du selbstsicher damit, weil du denkst, dass das alles ist, was du kannst. Das gleiche gilt für unser Album. Wir haben alles da reingepackt, unser ganzes Leben. Und wir haben sechzehn Monate lang jeden Tag von neun Uhr morgens an daran gearbeitet. Und jetzt, da wir es fertig gestellt haben wissen wir, dass wir es nicht besser hätten machen können. Wir sind überzeugt davon. Wir werden niemals an den Punkt ankommen, wo wir sagen, wir haben versagt, weil wir das nicht haben. Wir waren erfolgreich, denn wir hätten kein besseres Album machen können. Ob es die Leute nun mögen oder nicht, ist nicht mehr unser Problem.

BODYSTYLER: Was würdet ihr jetzt wohl machen, wenn es mit Hurts nicht so gut funktioniert hätte?
Theo: Weiß Gott! Hurts war die letzte Chance, die wir uns selbst gaben. Wir hörten mit Daggers auf und dachten, das reicht jetzt. Noch eine einzige Chance, und dann können wir das nicht mehr machen. Wir konnten nicht länger arbeitslos sein. Ich habe keine Ahnung. Ich habe vorher Physik an der Uni studiert. Vielleicht wäre ich jetzt ein langweiliger Wissenschaftler. Oder vielleicht hätten wir auch an der Rennbahn gearbeitet. Adam arbeitete bei einer Hunderennbahn und filmte Hunde, die um die Bahn liefen.

BODYSTYLER: Bevor es mit Hurts jetzt so richtig losging, war Musik ja eher ein Hobby für euch – jetzt ist es eure Hauptbeschäftigung. Könnt ihr Musiker verstehen, die sich darüber beschweren, wie schlimm es doch ist, dass sie jetzt erfolgreich sind und keine Privatsphäre mehr haben?
Theo: Warum haben sie dann erst damit angefangen? Ich habe das noch nie geglaubt, wenn Leute das gesagt haben. Wenn du berühmt bist, was wir in keinster Weise sind, und du kommst aus der Tür, dann bist du auf der Arbeit. Und wenn du zurückkommst, bist du es nicht mehr. Wenn Leute mir sagen, dass die das nicht wollten, was wollten sie dann? Warum hast du einen Plattenvertrag unterschrieben, warum schreibst du Musik? Ich bin immer sprachlos bei Leuten, die mir sagen, dass sie das nicht wollten, dass es ihnen egal ist, ob jemand ihre Musik kauft. Und dann denkst du dir, warum gibst du dann ein Interview? So Leute sagen das oft in Interviews und dann frage ich mich, warum gibst du ein Interview, wenn du nicht willst, dass die Leute deine Musik kaufen?

BODYSTYLER: Vermutlich wurden sie unter Androhung von Waffengewalt dazu gezwungen, kennt man ja.
Theo: Ja, aber warum haben sie dann einen Plattenvertrag unterschrieben? Wenn Leute sagen, dass sie es nicht mögen berühmt zu sein, dann hört einfach auf, aber beschwert euch nicht! Wir sollten diese Unterhaltung noch einmal führen, falls wir berühmt werden. Und dann werde ich dir sagen, dass ich es hasse! (lacht)

BODYSTYLER: Ich werde dich dran erinnern! Aber warum ich eigentlich auf diese Frage gekommen bin: Kennst du zufälligerweise den Brief, den Frank Sinatra vor zwanzig Jahren an George Michael geschrieben hat, und in dem er ihm sagt, dass er sich nicht darüber beschweren sollte, dass er berühmt ist, weil das der Traum eines jeden Musikers ist, sondern dass er die Verantwortung hat, dieses Talent zu benutzen, das ihm als Künstler gegeben wurde?
Theo: Der gute alte Frank – er sagt immer die Wahrheit!

Homepage: InformationHurts.com

Interview:
© 2010 // Bodystyler // Fräulein Beymer

 
 
 
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