Mit ihrem neuen Album „Blacklight“ (VÖ: 17.09.2010, Infacted Recordings) im Gepäck veröffentlichen Iris einen atmosphärischen Longplayer, der Fans des Electro-Pop gefallen wird und mit dem sie, passend zum Herbst, zur Melancholie bekehren. Grund genug, um mit Andrew Sega über ihre Mission zu plaudern.
Zum Abschied bekam Bodystyler-Redakteur Spider dieses osteuropäische Teelicht überreicht, ursprünglich ein Bestandteil des verschwundenen Bernsteinzimmers
»Deutsche Bands zu beobachten, die über deprimierende Themen singen, und dann über die Bühne springen, wie auf der Love Parade, ist sonderbar!«
Andrew Sega
IRIS
"Blacklight" Die Iris im Schwarzlicht ist einfach nur heiß und gleichzeitig so tiefgründig. Bietet sie doch so viele reizvolle Pop-Einlagen und hat dabei auch noch Freude am Experimentieren. Von wegen reine Synthienarsstellung: elektrische Toys in Form von Gitarre und Bass haben reichlich Platz beim Liebesspiel. Aber Achtung, hier ist kein Platz für blütenweiße Gefühlsduselei. Die Liebe schwingt nicht nur im fröhlichen 3/4 Takt, sie zieht dich manchmal tief ins Tal der Melancholie und ist doch immer romantisch. Niemand erzählt davon so eindrucksvoll, wie unsere Iris. In manchen Situationen sollte man einfach nicht zu viel sabbeln, sondern reinschieben, zurücklehnen und genießen. Meine Fresse, ist die geil. (Spider) VÖ: 17.09.10 // Infacted Recordings
Es soll Menschen geben, deren Vorstellung zu den kommenden Jahren bunt und farbenfroh ist. Hierzu zählen auch Iris, deren Farbenvielfalt sich allerdings ausschließlich zwischen Schwarz und Anthrazit ausdrückt, genau dort aber in allen Schattierungen. Ihr Regenbogen sieht wahrlich anders aus. Und irgendwie wirken sie dabei auch noch glaubwürdig. „Blacklight“ ist ein Electro-Pop-Album zwischen Dancefloor und Melancholie, einer Laune der Natur also, deren bedeutendste Werke größtenteils den 1980er Jahren entstammen. Diese Atmosphäre greifen Iris auf, vermischen sie mit den eigenen Ideen und kreieren das Bild verlorener Seelen im Ringen mit der Dekadenz. Fazit: Mit “Blacklight” veröffentlichen Iris einen schönen und atmosphärischen Longplayer, der Fans des Electro-Pop gefallen wird. (Manfred Thomaser) VÖ: 17.09.10 // Infacted Recordings
ch habe Euch kürzlich live in Berlin gesehen und unzählige Fragen dazu. Warum rockt ihr für eine Synthieband dermaßen geil mit Gitarre und Bass? Andrew Sega: Wir sind nicht wirklich eine „Synthieband“. Ich meine, wir verwenden Synthesizer, sicher, aber die Essenz daraus ist etwas anderes. Außerdem: wer will live schon sehen, wie jemand 60 Minuten an einem Knopf dreht? Da es einige echte Instrumente auf den Alben gibt, macht es Sinn, diese auch live zu spielen. Es vermitteltet den Fans ein besseres Klangbild, besonders bei den „ausgereifteren“ Liedern. BODYSTYLER: Warum seid ihr so schaurig-düster? Sega: Ich würde es nicht schaurig nennen! Mmmh, keine Ahnung (lacht). Vielleicht gibt es bereits zu viele Combichrist-Klone in der Welt. Muss Musik die ganze Zeit glücklich sein? Müssen Leute die ganze Zeit tanzen? Iris ist etwas komplizierter. Es ist für uns sonderbar, bestimmte deutsche Bands zu beobachten, die über traurige, deprimierende Themen singen, und dann über die Bühne springen, wie auf der Love Parade. Das macht keinen Sinn für uns! BODYSTYLER: Warum trägt Reagan beim Singen Kopfhörer? Hört er eine Märchenkassette derweil? Sega: Nein, Reagan hört aktuell die gesammelten Werke von Kafka. Ansonsten helfen ihm die Kopfhörer sich selbst zu hören bei den schrecklich lauten Geräuschen in Konzertsälen. Außerdem sehen sie modisch aus, oder? BODYSTYLER: Geht so. Warum haltet ihr Ned Kirby davon ab, ein neues Stromkern-Album zu machen und spannt ihn als Gastmusiker ein? Sega: Niemand würde lieber ein neues Stromkern-Album hören als wir. Ich habe einige Demos vom neuen Album gehört, aber bei seinem derzeitigen Arbeitstempo wird es 2020 sein, bevor es veröffentlicht wird. Ned zieht nach Schottland nächstes Jahr, um zu unterrichten und hoffentlich wird er sich dann genügend langweilen, dass er das Album beenden kann. Wie wir alle, ist er ein bisschen faul und ich denke, er mag es bei Iris zu sein, weil es keine wirkliche Arbeit ist, außer einige Bassnoten zu spielen und cool auszuschauen.
Während des Gigs in Berlin erzählte Reagan freudentrunken, daß die aktuelle Tour von Becks gesponsert wird. Das interessiert die Schluckspechte vom Bodystyler natürlich sehr.
BODYSTYLER: Wieviel Becks muß man trinken, um eine Tour von der Brauerei gesponsort zu bekommen? Sega: Etwa 600 Liter. Dieses Ziel haben wir bereits erreicht, aber die Brauerei beantwortet unsere Anrufe nicht. Ehrlich gesagtm bin ich ein bisschen frustriert, weil jeder Club, in dem wir spielen, den Backstagebereich mit Becks füllt. In Berlin gab es einen großen Heinekenkühler und als wir ihn mit großer Vorfreude öffneten... war er mit Becks bestückt! Und Becks Lemon - hu! Deutschland hat so viele fantastische Biersorten, und wir bedauern, dass die einzige Sache, die das Land vom Reinheitsgebot gelernt hat, ist, wie man immer mehr Becks herstellt. Nächstes Mal werden wir eine Tour exklusiv in Bayern machen. Wenn Ihr Franziskaner-Mönche kennt, sagt Ihnen, das wir sie unbedingt sprechen müssen.
Bevor aber die Sinne vom Weißbier aufgelöst werden, wollen wir doch erstmal etwas genauer übers neue Album sprechen.
BODYSTYLER: Der Wandel von Eurem ersten, doch eher typisch synthiepoppigen Album, bis zu Eurem neuen genresprengenden Werk, ist doch recht offensichtlich. Was hat Euch musikalisch dazu verleitet und inspiriert? Sega: Die offensichtlichste Erklärung ist die Zeit - „Disconnect“ wurde vor 11 Jahren veröffentlicht, und die enthaltenen Lieder sind noch viel älter. Wir sind teilweise etwas gelangweilt von der aktuellen Flut an Electro-Musik. Ich denke, dass sie eine Formel hat, in der Du eine Basslinie und ein Verzerrungspedal nimmst, dazu ein bestimmtes voreingestelltes Sample, ewig ein 10 Sekunden-Loop wiederholst und es „hellektro“ nennst. Ich finde es besser, Genres zu mischen, etwas Neues zu versuchen, als in einer müden alten Formel festzustecken. Underworld haben das auf ihrem neuen Album „Barking“ versucht und ungeachtet dessen, ob man es mag oder nicht, es klingt zumindest eigenständig. So mischen wir Genres, definieren unsere eigene bestimmte Kombination von Tönen und versuchen etwas zu erfinden, was als Iris erkannt wird und nicht eine Kopie von jemand anderem sein könnte.
BODYSTYLER: Wenn man sich Iris als Gebäude vorstellt, das im Erdgeschoss die Atmosphäre und Stimmung schafft, in der alles beginnt und in dem man Eure Klangwelt betritt: welche Bücher, Lieder und Filme usw. findet man dort, die nicht von Iris erschaffen wurden und Euch beeinfluss(t)en? Sega: Ich denke, dass das Schlüsselwort „Atmosphäre“ ist - es ist zentral für alles, was wir tun. Es ist ein Gefühl von Weite und Zeit. Sicher viel Depeche Mode, ja, es ist wieder cool sie zu erwähnen, Reagan schaut viele alte Cowboy-Filme, Zeug über das 19. Jahrhundert. Ich mag Science-Fiction, Warp Records, Darren Aronofsky-Filme usw. So erzeugt die Kombination unserer verschiedenen Einflüsse etwas Seltsames. Vielleicht „steampunk“? Es ist schwer zu sagen.
Seltsam ist auch, was sich in Rumänien unter dem Namen Iris abspielt.
BODYSTYLER: Es gibt eine rumänische Hardrockband, die sich ebenfalls Iris nennt. Da der Bodystyler das Kampfblatt aller schnittigen Kurzhaarfrisuren ist, habt ihr für uns ein paar ernste Worte an die Langmatten? Sega: Wir haben mit dieser Band seit Jahren auf bestimmten Webseiten zu kämpfen. Das ist das Problem, wenn man einen ziemlich allgemeinen Namen als Band hat. Wir klingen absolut anders als sie, aber es gibt immer mal wieder Leute, die das verwirrt. Es macht auch die Suche auf iTunes ein bißchen schwieriger. Wenn sie jemals kämpfen wollen, werden wir die Herausforderung annehmen. Das wird ein epischer Kampf: Gitarren gegen Keyboards. Und meine Keyboards sind sehr groß! BODYSTYLER: Der Bodystyler bedankt sich für das Interview und macht schon mal ein paar Franziskaner kalt.