"Wer ist denn überhaupt noch doof genug Texte mit 'Messages' zu machen?"
Im Krieg und in der Liebe gibt es Stellungswechsel, Gleiches gilt auch für ein Interview mit Käpt'n K von KMFDM. Er meint kontinuierlich, ganz ohne Revoluzzer-Mickey-Mäuse, mit Kunst etwas Chaos in die Ordnung zu treiben, und dem alltäglichen Verlust der Romantik entgegenzuwirken. Mit der "Panzerfaust".
KMFDM
"WTF?!" Menno! KMFDM immer mit ihren Abkürzungen. Was soll der Albumtitel denn nun schon wieder bedeuten, verfickt nochmal? Echt "Krank", so der Titel des Openers, welcher auf der Singlevariante etwas brachialer und industrialrockiger rüberkam. Insgesamt ist man auf dem Gesamtwerk elektronischer als auf den Vorgängeralben. Und zwar in einer Experimentierfreude, die an ganz frühe Werke wie "UAIOE" erinnert. Diese Zeit Ende der 80er war, meiner Ansicht nach, aber nicht ihre stärkste. Und da ich gerade am Maulen bin, muss ich hinzufügen, dass mir der zusätzliche Einsatz der liebgewonnen harten Gitarrenriffs auf dieser CD zwar auffällt, aber dieser zu sporadisch ist. Nichts gegen eine Weiterentwicklung oder das Tummeln auf neuen Spielplätzen, aber ich finde diese Ausflüge ins Midtempo eher lahm. Doch trotz enttäuschender Punktausbeute gibt's keine Pfiffe. Eine Band wie KMFDM darf sich auch mal ein schwächeres Spiel erlauben. (Spider)
Käpt‘n K. und seine Kumpels sind sich auch bei der neuerlichen Ausgabe des wütenden Anstinkens gegen so ziemlich alles und jeden namens WTF?! treu geblieben. Lang ist es her, dass KMFDM wirklich zu überraschen wussten, auch wenn diese Überraschungen stets innerhalb eng gesetzter Grenzen verortet waren. WTF?! überrascht nicht. Solider KMFDM-Sound, bei dem es wie immer darum geht, eine grimmige oder epochale Klangwelt aus analogen Synthesizern solange piepsen und blubbern zu lassen, bis die Gitarren, Drums und Percussion der „Ruhe“ ein Ende setzen und im Zweifel das Hauptwort mit K oder gerolltem R drastisch untermalen. Auch der Hit aus der Reihe „Sprachen dieser Welt“ fehlt nicht auf WTF?! mit dem auf italienisch vorgetragenen „Panzerfaust“. KMFDM setzen also im wahrsten Sinne des Wortes dort an, wo sie mit „Blitz“ 2009 aufgehört haben. Nicht mehr, nicht weniger. (Kurt Zarig) VÖ: 29.04.2011 // Dependent
KMFDM
"Krank"Den Vorboten "Krank" zum kommenden Album der Industrial-Rock-Pioniere KMFDM gibt's hier in dreifacher Ausführung. Das Original schmettert in gewohnter Manier forsche Selbstbeweihräucherungsparolen zu harten Gitarrenbrettern, während im Hintergrund die Elektronik forsch pulsiert. Der Kommor Kommando-Mix lässt das Ding noch fetter aus den Boxen dröhnen, ohne Grundlegendes zu ändern. Tim Skold ist in seinem Remix etwas experimentierfreudiger mit ein paar Spielereien. Mit diesen übertreibt es Bill Rieflin mit seiner Variante, zum zweiten Song "Day of light" gewaltig. Das dürfte nur Modern Jazz-Freunden gefallen. Und auch die Meister selbst machen es nicht besser. Klarer Fall von Licht und Schatten. (Spider)
Krank... genau, treffender kann man die Musik von KMFDM nicht beschreiben. Das Gute bei dieser Band: man weiß nie, was einen erwartet. Das Schlechte: man weiß nie, was einen erwartet. So wird einem auch dieses Mal wieder ordentlich vor den Kopf geknallt. Es beept, es rumpelt und beißt - ein Song, wie eine Rauhfasertapete: – je öfter du dich damit beschäftigst, umso mehr Details erkennst Du. Unterstützt wird die Band von Skold und Komor, die beide knackige Remixe beisteuern, ohne sich zu weit vom Original zu bewegen. Der einzige Ruhepol dieser Maxi, der Rieflin Mix von Day of Light, ist allerdings Kein Mix Für Die Mehrheit, aber er macht durchaus Sinn – so kann man die CD weiterlaufen lassen und in der Zeit die Dinge tun, die man beim Blockbuster in der Werbung macht. Danach geht’s zwar nur noch mit einen Song weiter, dem KMFDM Mix von Day of Light, der allerdings stimmt schon wieder versöhnlicher. (Daniel Theberath) VÖ: 11.03.2011 // Dependent
OK•ZTEIN•OK
"Prolet•Kult" Es ist bemerkenswert, dass Sascha Konietzko erneut für ein Release die Buchstaben verdreht, diesmal tut er dies namentlich selbst - aber zum ersten Mal. Das allein war nicht der einzige Griff ins Archiv der eigenen Historie. Das Artwork fürs Soloalbum stammt genau wie "Opium", das zweite KMFDM-Release, aus dem Jahre '84. Jenes grüßt stilistisch durch die ersten beiden Tracks, bevor die restlichen 20 Minuten in einem Mix aus experimentellen Industrial Soundscapes einen glauben machen wollen, man hätte ein Komprimat aus Psychic TV's "Live in Reykjavik", Angelspit's Krankhaus" und dazu Nine Inch Nails "Year Zero" zu sich genommen. Dazu sampelt Konietzko eine Runde Tyrannen-Quartett unter die Übersetzung von Lebedew-Kumatsch's Hymne der Roten Armee, und beschreibt das Land der Mitte nach dem Vorbild der Ting Lai-Yu Familie. Propaganda-Kunst und Heiliger Krieg, wie er seit Ewigkeiten von Laibach und auch KMFDM selbst erfolgreich kolportiert wurde. Neue Impulse sucht man leider vergeblich, trotzdem wird die Scheibe sicher Kult und das ist auch ganz OK. VÖ: 26.04.2011 // KMFDM Records
an glaubte lange Zeit, KMFDM finde seine Unabhängigkeit darin, dass Ihr musikalisch immer irgendwie das Beständige sucht. Nun ist das neue Album rundum harmonischer, komplexer und fabelhaft ausgefeilt erschienen…
Käpt'n K: Lange Zeit haben KMFDM verschiedenste Sachen ausprobiert, viel und gerne in einschlägigen Genres herumgestöbert, um im Endeffekt, nachdem alles durch den 'KMFDM-Wolf' gedreht war, den einzigartigen KMFDM-Sound hervorzubringen. Das war früher so und ist es auch heute noch. Das Spektrum dessen was als musikalische Inspiration durch KMFDM's Gesamtwerk geistert ist enorm groß. Im Einzelnen ist es wahrscheinlich den wenigsten Hörern wirklich jemals klar geworden was da tatsächlich alles passiert und zusammenfindet. Eine Mixtur aus beispielsweise Reggae, Dub, Klassik, Metal, Trance, Techno, House, Elektro, Industrial, Krautrock um nur ein paar Schubladen zu nennen, kommen harmonisch, komplex und fabelhaft ausgefeilt als der 'bekannte' KMFDM-Sound daher. Das neue Album "WTF?!" bildet keine Ausnahme. BODYSTYLER: Was war die Ausnahme für die hörbar zunehmende Technisierung im Sound? Käpt'n K: Es ist ein Zeichen der heutigen Zeit dass man sich ja kaum noch Zeit nimmt ein "Album" mal richtig zu erforschen und sich Gedanken dazu zu machen. Immer auf der Jagd nach dem nächsten Hit, der neuesten Dröhnung, ist der Musik-Konsument der Jetzt-Zeit ja im Grunde genommen ein armes Schwein. Es schwirrt der Kopf, es rast der Puls vor Wut wenn man nicht auf Anhieb das findet, was man von dem was drauf steht dann auch drinnen erwarten zu können meint. BODYSTYLER: Initiieren, Deiner Meinung nach Tracks, welche die revolutionäre Umgestaltung der gegenwärtigen Lebensverhältnisse anmahnen, mit zunehmender Digitalisierung auch mehr Kurzschlüsse in den Synapsen der Hörer? Käpt'n K: Wer ist denn überhaupt noch doof genug Texte mit 'Messages' zu machen? Spiegelbild vorhalten, ordentlich bums dazu, uffza, fertig ist der sozialkritische Salat. Die Synapsen leiden am ehesten unter der 'Interpolation', d.h. dem synthetischen Auffüllen der fehlenden Data-Masse die bei der Komprimierung von Musik-Dateien ins mp3 (o.ä.) Format auf der Strecke blieb. Mal ganz klar gesagt, nichts klingt bis dato besser als Vinyl! BODYSTYLER: Apropos Spiegelbild. Im Gegensatz zu Euch, fürchten etliche Musiker die Auseinandersetzung mit ernsten Themen und beschwören dennoch stets die Authentizität ihrer Werke. Bedeutet dies eventuell im Umkehrschluss, dass das Konzept "Das Private ist politisch" heute nichts mehr gilt? Käpt'n K: Ein mir neues Konzept, definitiv. Wo ist der Umkehrschluss? Wenn authentisch gleichbedeutend mit oberflächlich ist, dann sehe ich da einen Zusammenhang. Es gilt ja den 'Entertainment' Effekt nicht durch zu tiefgehende oder gar deprimierende Sujets zu torpedieren. Was die Musiker betrifft: Musiker funktionieren am besten unter der Regie von Künstlern, also 'Artist', indem sie mit ihrem (mal vorausgesetzten) Können Visionen in Klang umsetzen. Wenn Musiker anfangen zu komponieren dann werden sie Schritt für Schritt selbst zu Künstlern. BODYSTYLER: Ihr als Künstler, lebt nun schon wieder eine Weile in Deutschland. Ist man da bereits alltäglich verwurzelt, oder läuft zum Frühstück noch CNN um wenigstens medial an dem teilzunehmen was in der alten Heimat so passiert? Käpt'n K: 3/5 von KMFDM leben nach wie vor in den USA. Was mich betrifft so ist es eigentlich scheißegal wo ich lebe, denn der Ort hat keinen Einfluss darauf wie ich lebe. Es besteht reger Austausch zwischen uns und man hat eigentlich auch immer das Gefühl informationsmäßig auf der Höhe zu sein. BODYSTYLER: Orte haben keinen Einfluss? Sechs Jahre nach der Gründung von KMFDM Records veröffentlicht ihr nun auch per Dependent. Hat da doch wer vom alten Kontinent "Houston, we've had a problem" gerufen, oder weshalb sonst habt Ihr euch in diese "Abhängigkeit" begeben? Käpt'n K: KMFDM Records ist der Lizenzgeber, wir schlagen uns nicht mit Details wie Vertrieb in diesem oder jenem Territorium herum, wir produzieren ausschließlich Content der dann von geeigneten (und uns geneigten) Teams an den jeweiligen Markt gebracht wird. BODYSTYLER: Gehen wir beim Content mal ins Detail. "Rebels In Kontrol" zitiert am Ende Che… Käpt'n K: Nicht nur wird am Ende Che Guevara zitiert, sondern es wird Che Guevara von Che Eckert zitiert. Che hatte sich liebenswerterweise dazu bereit erklärt mit seiner fantastischen Nachrichtensprecherstimme den gesamten 'Newsspeak' aufzunehmen. BODYSTYLER: …und Dein neues Solo-Projekt lässt Rückschlüsse auf die Auseinandersetzung mit Kulturrevolution und der Mao-Bibel zu. Beides wird jedoch inzwischen, ebenso wie das RAF-Logo, als Zeitgeist-Accessoire vermarktet. Was, außer dem Prinzip Kinderladen, Selbsthilfeprojekten und Wohngemeinschaften, hat Deiner Meinung nach hierzulande die letzte Außerparlamentarische Opposition überdauert? Käpt'n K: Was mein Solo-Projekt OK•ZTEIN•OK angeht, so ist es weniger dass es Rückschlüsse dahingehend zulässt womit ich mich so auseinandersetze, sondern es geht vielmehr um das was du, lieber Hörer, beim hören daraus schließt und ableitest.
Im Grunde ist es mir echt scheißegal was die letzte APO hierzulande oder auch sonst wo überdauert, es geht mir nicht darum zurückzublicken, meine Augen sind stets nach vorn gerichtet. Es gibt große Ausfälle wettzumachen, die Zukunft gehört schließlich denen von uns die immer noch dazu bereit sind sich die Finger dreckig zu machen! BODYSTYLER: In "Vive La Mort!" gibt es die Zeile: HOLY TERROR - FATAL ERROR. Che, oder besser gesagt das Foto von Alberto Korda, wird einerseits in Lateinamerika noch immer wie eine Reliquie verehrt und andererseits wird er von Politologen auch mit bin Laden verglichen… Käpt'n K: Irgendwie bist Du da, glaube ich, etwas behaftet mit einer etwas vorgeformten Meinung von mir. So von wegen, ich hätte es mit den ganzen Revoluzzer-Mickey-Mäusen, oder? Aber egal... BODYSTYLER: Was heißt egal, wie kann man die Beiden, mittels der heutigen Medienlandschaft, noch klar differenzieren und wo findet man da den entscheidenden Unterschied zwischen WikiLeaks und beispielsweise Urheberrechtsverletzern? Käpt'n K: Urheberrechtsverletzung und Informationen die durch WikiLeaks an die breite Masse gestreut werden sind natürlich prinzipiell überhaupt nicht zu vergleichen. Ich finde es wichtig und richtig dass Journalisten recherchieren und das was sie finden veröffentlichen. Es ist eine der Grundfesten der Art und Weise wie unsere heutigen Staatsformen funktionieren. Unglaublich ist es dann festzustellen wie unverschämt sich diejenigen die wir mit der Repräsentation unserer Interessen betrauen ein eigenes Machtgefüge auf unsere Kosten aufbauen. Mehr solche Informationen und die breite Masse der diversen Bevölkerungen wird auch wieder politisch aktiver werden und sich genau überlegen wer sie und vor allem wer sie nicht repräsentieren darf. BODYSTYLER: Wurde "Dystopia" auch ein wenig von den Werken Alexander Bogdanow's inspiriert oder kann man es als eine Art Gruß an die Rivetheads in Übersee verstehen? Käpt'n K: Da müsstest Du mal Lucia zu befragen. Ich interpretiere da unter Umständen was ganz Anderes hinein. "Dystopia" ist für mich zumindest, vom Gefühl her eine Liebeserklärung in einer Situation des totalen Untergangs, ein Beschwören des Für-einander-da-seins im Angesicht des unendlichen gemeinsamen Versagens. BODYSTYLER: Zurück zur proletarischen Kultur. OK•ZTEIN•OK ist ein namentlicher Rückblick, und wie ein Blick zurück wirkt auch die Thematik Deines Solos. Arbeit und Arbeiter in einem durchaus kreativen Sinn. Das erinnert an die 84er Performance mit Udo Sturm im Pariser Grand Palais und wirft die Frage auf, ist das Artwork für PROLET•KULT etwa auch von Udo? Käpt'n K: Nee, hab ich 1984 selber gemacht! BODYSTYLER: Und weshalb hast Du auf "WTF?!" quasi Dein früheres "Liebeslied" gecovert, warum auf Italienisch? War das der Preis dafür, dass Dein Solo-Projekt früher an den Start kommen konnte als ein neues Album von Lucia? Käpt'n K: Es ist kein Cover vom Liebeslied. Der Text des Liedes wurde ursprünglich in Italien, dem romantischsten aller Länder geschrieben, und jetzt mit ca. 21-jähriger Verspätung erstmals uraufgeführt. Bei KMFDM sind solche Sachen total die Regel, konzeptionelle Kontinuität wurde zwar nicht von mir erfunden, ist aber ein wichtiger Aspekt bei vielen Dingen die ich mache. BODYSTYLER: Perfekte Zeiten für Uraufführungen. Könnte man, angesichts der egalitären Veröffentlichungsoptionen im Netz und des Zusammenbruchs der großen Plattenlabel-Bürokratie, die kulturelle Revolutionärsseele inzwischen etwas baumeln lassen? Käpt'n K: Was die Revolutionärsseele angeht, entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Manche Leute denken ja unverschämter weise, es sei ok irgendwann fett und alt zu werden, und hängen den Hut an den Nagel. BODYSTYLER: Und haben im Gegensatz dazu, wohlverdiente Platzierungen in den Billboard Singles Charts zu guter Letzt nicht doch 'nen Hauch "Krank"er tradierter Erfolgspropaganda? Käpt'n K: Die Platzierungen in den Charts zeigen einfach ganz klar, dass man mit 200-300 verkauften Scheiben pro Woche einsteigen kann, und das demonstriert das große Dilemma in dem die Musikindustrie steckt. Mehr als Ironie sollte man da nicht rein denken. BODYSTYLER: Ganz ohne Ironie, die kommende "WTF?! Tour 2011" macht in Frankreich sehr viel öfter Station als hier. Liegt es vielleicht auch daran, dass man dort durch das Buch "Empört Euch!" von Stéphane Hessel einfach besser darauf vorbereitet ist?
Käpt'n K: Sehr gutes Buch übrigens. Frankreich und England sind wichtige Märkte für KMFDM und in Deutschland ist es zurzeit einfach ein lausiges Terrain für Live-Shows. Generell gesprochen. BODYSTYLER: Generell vielen Dank fürs Interview & eine allerletzte Frage: Wobei, mal ganz abgesehen von unseren Fragen, ist Dir zuletzt ein sattes What The Fuck?! entglitten? Käpt'n K: Als sie bin Laden vom Flugzeugträger aus "bestattet" haben!!//