lso, was sind denn nun neutrale Lügen? Sind die nicht immer negativ?
Jeff: Die Bedeutung der neutralen Lügen ist vielschichtig. Lügen, die Konsequenzen haben, oder Lügen, die Menschen, die Du magst, verletzen. Wenn Du die Band an sich meinst, ist es eine Zusammenkunft zwischen Freundschaft und Musik.
Nick: Richtig. Neutral Lies ist eigentlich die Geschichte von 2 alten Freunden, die sich nach langer Zeit voller Höhen und Tiefen wieder entschlossen haben Musik zu machen. Neutral Lies sind ein Duo, das elektronische Musik macht, ohne sich irgendwo einordnen zu wollen.
BODYSTYLER: Hm, also für mich sind Lügen auch jetzt immer noch negativ, aber egal. Was ist denn das für ein merkwürdiges Gebäude auf dem Foto des Albumcovers?
Jeff: Das ist ein Wasserturm. Wir sind irgendwann mal durchs Land gezogen und wollten Promotionfotos machen. Er fiel uns sofort als Motiv ins Auge, auch weil er in der Mitte von Nirgends stand. Ein Gebilde inmitten poetischer und melancholischer Landschaft.
Nick: Das Cover zeigt jedem etwas anderes, was die Person eben sehen will. Ich finde, das Foto vermittelt ein sehr kühles Gefühl und ich sehe jemandem, der vom Boden aus an den Himmel schaut - an diesem Gebilde vorbei.
BODYSTYLER: Hui, das ist ja richtig philosophisch und steigert das normale Niveau unserer Interviews um ein Vielfaches, wie komme ich denn aus der Nummer wieder raus? OK, ich weiss. Ich hatte kürzlich mit Derniere Volonte gesprochen und der meinte, ihr habt eine riesige Szene, die aber keinen Menschen interessiert, zumindest nicht im kommerziellen Sinn.
Nick: Groß ist ein wenig übertrieben, sie wird größer, das stimmt. Besser als vor 20 Jahren, als elektronische Musik fast gar nicht stattfand bei uns. Diese Art der Musik ist in Frankreich noch nie wirklich populär gewesen wie bei Euch in Deutschland oder in England oder auch in Skandinavien. Aber es gibt schon ein paar Enthusiasten bei uns.
Jeff: Da stimme ich überein. Ich denke, elektronische Musik aus Frankreich ist außerhalb unseres Landes wesentlich beliebter als bei uns selbst. Wenn ich an unsere Region denke, wobei ich Belgien mal einschließe, gibt es aber dennoch einige populäre Festivals.

Neutral Lies:
»Französich klingt sehr poetisch, aber das ist nur für Fremde so. Wir empfinden das gar nicht!«
BODYSTYLER: Member U-0176 von Celluloide hat Euer Album produziert, woher kennt ihr den?
Nick: Wir haben ihn über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, DJ - Der Gregolini, der sehr bekannt ist in unserer EBM Szene, und der uns immer unterstützt hat. Als er unsere Demo gehört hatte, meinte er, Member ist der richtige für den Produzentenjob.
Jeff: Stimmt. Und als wir Member unser Tape geschickt haben, war er begeistert und so hat die Zusammenarbeit angefangen. Anfangs nur über das Internet und erst im April 2010 wurde dann im Studio der Mix erstellt.
BODYSTYLER: Meine Lieblingsnummer ist "Rose In My Coffin" - ist das nach einer wahren Begebenheit entstanden?
Nick: Die Rose ist ja immer ein Symbol für Reinheit, aber sie kann auch Gefühle ausdrücken für jemanden, den Du verloren hast.
Jeff: Na ja, wir sind jetzt auch keine traurigen Menschen, wir haben viel Spaß zusammen, aber oft dominiert auch die dunkle Seite und der Tod ist ein Teil dessen. Ich denke, andere Songs des Albums beruhen eher auf wahren Erlebnissen.
BODYSTYLER: Also, wenn ihr mal keine Musik mehr machen wollt, versucht es doch als Philosophen, das hättet ihr sicher auch drauf. Ihr habt auf Eurer myspace-Seite absolut geniale Schwarz-Weiss-Fotos, sehen fast aus, als hätte sie Anton Corbjin von Depeche Mode gemacht.
Nick: Schwarz-Weiss war die logische Entscheidung für den industriellen Aspekt unserer Musik und Jeff ist unser eigener Anton. Außerdem hat er Grafikdesign und Fotographie studiert, das passt dann auch wieder ganz gut.
Jeff: Ah ah ah! Ich denke, es war meine neue Digitalkamera mit manuellen Optionen.
BODYSTYLER: Jetzt mal nicht so bescheiden, die Bilder sind echt genial, wirken sehr professionell. Wo wir gerade bei Depeche Mode waren. Viele werden nörgeln, das ihr schon so ähnlich klingt wie die Mitte der 80er.
Jeff: Ich hab damit kein Problem, es ist ja schon eine Ähnlichkeit vorhanden. Aber als wir gelesen haben, das wir nur Klone sind, fanden wir das auch nicht gut. Wenn es schon reicht, einen Synthi zu bedienen und zu singen, könnte man uns auch mit Modern Talking vergleichen, oder?
BODYSTYLER: Nee, die konnten ja nicht singen.
Nick: Ich sehe den Vergleich auch nicht als Problem. Paradoxerweise wurden die am Anfang ihrer Karriere ja auch eher belächelt. Und erst 25 Jahre später sind sie absolute Superstars, sind zur Referenz für viele Musiker geworden. Es gibt auch Leute, die sagen, wir klingen nach John Foxx und Kraftwerk.
BODYSTYLER: Das sind ja nicht die schlechtesten Vergleiche, oder? Kennt ihr viele andere deutsche Bands?
Nick: Hm, momentan oder früher? Klar doch, Deutschland ist DAS Land für elektronische Musik. Ich liebe Kraftwerk, DAF, Die Krupps, Second Decay, Paranoid, Silicon Scientist, Sieg über die Sonne, L‘aventure imaginaire und mein absoluter Favorit „Der (Er)folg“ - eine wirklich geniale Band, die aber nur ein Demo Tape veröffentlicht haben, aber auch Tangerine Dream, Welle Erdball, Propaganda fallen mir ein.
BODYSTYLER: Warum singt ihr denn in englisch, französisch klingt doch viel schöner?
Nick: Gegenfrage: Wieso stellst Du die Fragen denn in Englisch?
BODYSTYLER: Weil ich kein französich kann und ihr kein deutsch.
Nick: Ach so. Ok. hmm dann muss ich meine Antwort umswitchen. Englisch ist einfach die internationale Sprache und ich war auch schon öfters in England. Viele Mädels denken auch, französich klingt sehr poetisch, aber das ist nur für Fremde so, wir empfinden das gar nicht so. Wir werden immer mal wieder einen Song in französisch aufnehmen, aber kein komplettes Album.
BODYSTYLER: So, zum Schluss nenne ich Euch Künstler, ihr liefert das Statement. Natürlich baue ich allerhand Franzosen ein.
Human League
Nick: Eine absolute Referenz und ein riesiger Einfluss auf die elektronische Musik. Coole Vocals und absolut eingängige Melodien.
Jeff: Sind OK.
Howard Jones
Jeff: Viele Haare...
Nick: Ja, eher Popmusik, aber abgesehen von seinem coolen Haarschnitt, waren Songs wie „Things can only get better“ und „What is love“ super, danach war es aber nicht mehr so mein Ding und driftete zu sehr ab.
Trisomie 21
Nick: Yeah. Eine meiner französischen Lieblingsbands. Sensationell die Jungs, wenn ich nur an einen Track wie „La fête triste“denke. Ich kann dir sagen, die beiden leben in einer eigenen Galaxie.
Jeff: Dunkle Nachbarn.
Skinny Puppy
Jeff: Sie sind immer noch präsent. Ein Teil meines Teenagerlebens.
Nick: Noch ein großer Name in der EBM Szene, sie hatten absolute Killertracks, aber alles, was sie machten, fand ich nicht gut.
Die Form
Nick: Man sieht, du kennst dich aus. Ich mag eher ihre elektronischen Sachen als die experimentellen Dinge, habe aber einen enormen Respekt vor deren Karriere.
Jeff: Theater, Stimme und Körper.
Guesch Patti
Nick: Ok, die ist nicht mein Ding. Irgendwas in den 80ern im Radio und TV.
Jeff: Etieeeeeeeeeenne, 1987, ein Jahr nach "Voyage Voyage" von Desireles Französische Popmusik hat eben doch ein anderes Gesicht.
Mylene Farmer
Nick: Ihre beste Periode waren die ersten Monate, ich mag eigentlich nur ihr Debutalbum. Die Promotion und das Geheimnis, das um ihre Person gemacht wird, ist schon etwas suspekt.
Jeff: Oui mais non… In den 80ern ja. aber aber nicht mehr heute, die letzten Alben fand ich nicht mehr gut, aber ich mag ihren komplzierten Charakter.
BODYSTYLER: So geschafft. Kleine Schlussbemerkung. Beschäftigt Euch erst mal mit den Franzosen, die können zwar kein Fussball spielen, aber die Musik von denen ist echt klasse. //
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