rund genug, sich eingehender der frankophonen Interpretation von Rebellion zu widmen, dem Punk à la Cold-Wave ein paar zurückgelehnte magische Momente zu spendieren...
BODYSTYLER: Serge Gainsbourg war ein französischer Weltstar. Was ist und war französisch an Bands mit Namen wie Bunker Strasse, Die Form, Leitmotiv, Ludwig von 88 oder Oberkampf?
Olivier Libaux: Offenkundig ist niemand aus der französischen Punk und New Wave-Bewegung so oder so vergleichbar mit Serge Gainsbourg. Aber auch Rita Mitsouko, Lio oder Indochine waren in jener Zeit sehr erfolgreich. Während wir an „Couleurs sur Paris“ gearbeitet haben, ging uns durch den Kopf, mal die Seele von französischem Punk und New Wave als genau das zu zelebrieren, was es damals war - präsentiert von obskuren, manchmal jedoch wunderbaren Acts wie Taxi Girl, The Dogs, Kas Product etc. und auch jenen vom Erfolg verwöhnten Acts wie Rita Mitsouko, Etienne Daho oder Indochine.
BODYSTYLER: Oberkampf's erste Single hieß "Couleurs sur Paris" - warum greift Euer viertes Album ausschließlich den Namen und nicht ebenso ihren Song von 1981 auf?
Libaux: Mit Nouvelle Vague handhaben wir ja in der Regel nur Dinge, die Spaß machen. An und für sich war der Song „Couleurs sur Paris“ es uns wert, unserem Album einen würdigen Namen zu geben. Und es war bisher keineswegs zwingend, ihn auch als Coverversion auf dem Album zu haben. Wir werden es aber auf jeden Fall noch irgendwann einspielen. Dieser Song hatte einen großen Einfluss auf uns, mit einem Text, der dich antreibt und dir sagt „Lasst uns die Regeln brechen und versprüht Farben überall in Paris“. Seine Message hören wir heutzutage immer noch.
BODYSTYLER: Kam Euch die Idee zu diesem Album bereits bei der Arbeit an Eurer Version von "Ca plane pour moi" oder seid ihr irgendwann mal über Zeitzeugnisse Eurer Jugend gestolpert?
Libaux: „Französische“ Songs zu covern lag bereits bei der Produktion der 3 vorhergehenden Nouvelle Vague-Alben irgendwie in der Luft. Ich erinnere mich, mit Marc bereits 2004 über Metal Urbain oder Taxi Girl gesprochen zu haben. Aber ganz ehrlich, wir fanden es erheblich aufregender Joy Division, The Clash oder die Dead Kennedys zu covern.
Zurückblickend waren wir – wie jedermann - große Fans der damals neuen englischen und amerikanischen Bands. Na jedenfalls gab es da auch ein paar französische Bands, vielleicht weniger imposant, aber interessant genug, das wir die supporteten. Ich glaube, dass unser erster Song auf französisch eine 2006er Version von „Putain putain“, ein belgischer Song, war. Dann gab's das Cover von "Ca plane pour moi" auf der NV3. Direkt im Anschluss daran fragte ein großes französisches Festival (Les Francofolies) bei uns an, ob wir für sie nicht eine exklusive "Special French"-Show auf die Beine stellen könnten. Damit lag es ja auch langsam auf der Hand, mal ein "Special French"-Album aufzunehmen.
BODYSTYLER: Kann man sagen, dass der Wechsel vom britischen Label Peacefrog hin zum französischen Urgestein Barclay die neue Thematik intensivierte?
Libaux: In der Tat, unser Vertrag mit Peacefrog war ausgelaufen. Und Barclay war längst in neue Sachen von uns involviert, einem Album, was in erster Linie für den französischen Markt gemacht wurde. Die Idee, „französischen“ Punk und New Wave zu covern, stand bei uns eh seit Jahren im Raum. Da war es dann nur natürlich und schlüssig, dieses Album mit Barclay als Partner anstelle von Peacefrog zu realisieren.
BODYSTYLER: Bereits nach den ersten Tönen habe ich den Eindruck: bis auf Sprache und Herkunft ist vieles an Eurem Konzept gleich geblieben. Statt radikaler Endzeitstimmung aus dem Kalten Krieg, bietet Ihr 16 Einblicke in die Vielfalt von Paris. Stilistisch wie ein Mashup der beiden Filme "Paris vu par..." und "Paris, je t'aime". Da beschreiben Claude Chabrol und der brasilianische Regisseur Walter Salles im Abstand von 40 Jahren das 16. Arrondissement. Wie denkst Du über diese Analogie?
Libaux: Seitdem wir mit Nouvelle Vague am Start sind, gibt es Analogien zum französischem Kino. Dabei bezogen wir uns anfangs nicht wirklich auf die „Nouvelle Vague“-Kinobewegung der 60er, und hatten eher das Gefühl, ein musikalisches „Experiment“, eine Verbindung aus New Wave- und Bossa Nova Styles, zu kreieren. Aber der Bezug zum französischem Kino kam dann recht schnell, beispielsweise durch dieses Youtube-Video zu „Dance with me“, gemacht von einem amerikanischen Mädchen, das wir gar nicht kannten, welches Bilder aus Godards „Bande a Part“ verwendete. Seitdem haben wir uns eben an die Film-Referenzen gewöhnt und nutzen häufig dieses Flair des Kinos auch auf unserem Cover-Artwork. Dein Eindruck ist sehr interessant, da er von dir, einem Deutschen kommt. Du siehst da zweifellos Dinge, derer wir uns gar nicht bewusst sind - so etwas wie einen "French Touch". Wie auch immer, danke fürs Kompliment und die Eingebung.
BODYSTYLER: Apropos Claude Chabrol: Adrienne Pauly hat in dessen letztem Film mitgespielt und ist nur eine von vier mir bekannten Schauspielerinnen, die Ihr für dieses Album begeistern konntet. Ihr „Marcia Baila" ist Eure erste Single und klingt herrlich nach der Zeit, als in Cafés noch geraucht werden durfte. Warum habt Ihr das dem paradiesischen "Week-End à Rome" vorgezogen?
Libaux: Die Single wurde von Barclay ausgewählt, da das wirklich paradiesische "Week-End à Rome" aus Vertragsgründen aktuell nicht als Single freigegeben werden konnte. Wir glauben aber, dass man „Marcia Baila“ gegenüber "Week-End à Rome" als ebenbürtige Single sehen sollte. Wir wären glücklich, wenn Radiostationen "Week-End à Rome" spielen, auch wenn es keine „echte“ Single ist. Das erinnert mich gerade daran, dass Nouvelle Vague ja nie wirklich eine typische „Single“ Band waren. Einige Cover, die wir gemacht haben, wurden gerade deshalb Singles, weil die Leute diese Songs sichtlich genossen haben.
BODYSTYLER: "Kas Product" ist Underground-Fans auch hier ein Begriff, Ihr habt nun bei Eurer Reminiszenz die markante Stimme von Mona Soyoc durch Euren männlichen Neuzugang Charlie Winston ersetzt. Andererseits singen Camille und Coralie Clément Titel, die im Original von Männern präsentiert wurden. Etwa, weil Stilbruch und Mädchen schon immer ein Teil Eures Konzeptes sind oder weil Ihr auch Spaß daran hattet, das Wort Hure, deutsch für Putain, mal aus einem unschuldigem Mund zu hören?
Libaux: Beide Aspekte sind wahr! Erinnere dich doch bitte mal an Camille’s Interpretation von "Too Drunk to F***" vom ersten Nouvelle Vague-Album. Wir arrangieren stets männliche Songs zu femininen Interpretationen, und natürlich auch umgekehrt, wie bei Blondie, Yazoo oder Siouxsie. Bei einigen Songs brachte die weibliche Interpretation zum Beispiel etwas tief Bewegendes, wie z.B. bei "Guns of Brixton“. Und bei einigen anderen schuf sie etwas Unerwartetes, gänzlich punkig und lustig, so wie bei "Too Drunk to F***". Ihr könnt auch ruhig wissen, dass eine Zeile in „Putain Putain“ tatsächlich „J'aime les zizis“ lautet, was übersetzt soviel wie „Ich mag Schwänze“ bedeutet! Momentan haben Nouvelle Vague-Live Shows wohl ihre lustigsten Momente, wenn wir zum Beispiel "Too Drunk to F***" spielen, danach „Sex Beat“ und dann „Putain Putain“. Ha ha ha...
BODYSTYLER: Ganz besonders freue ich mich über Mareva Galanter (Miss France 1999 - Anm.d.Red.) auf diesem Album, mit der Ihr vor 4 Monaten in Darmstadt auf der Bühne standet. Marc trug an diesem Abend ein Joy Division-Shirt. Was trägt er momentan auf der Tour in England? Ein Shirt von Clair Obscur, Desireless, Jeanne Mas, Guerre Froide oder von Trisomie 21?
Libaux: Jeder hier erinnert sich an diese Darmstadt-Show letzten Juli, da die Crowd, und ich denke auch die Performance, exzellent waren. Pures Glück. Aber lass mich über die Abendgarderobe von Marc im Allgemeinen sprechen. Ich seh da ein Joy Division-Shirt. Manchmal auch ein gelbes Bruce Lee-Shirt, was ich nicht sonderlich mag, aber ihn scheint es glücklich zu machen, und einige graue oder schwarze Hemden, gelegentlich mit einer schwarzen Krawatte… he he.
BODYSTYLER: Waren die Interpreten auch diesmal wieder ahnungslos über Geschichte und Herkunft der Songs?
Libaux: Bei einigen schon, wie etwa bei The Dogs, Kas Product oder Jad Wio („Ophélie“, was ebenso großartig im Hinblick auf seinen Text ist, so in der Art wie wir es gerade über „Putain Putain“ feststellten). Offensichtlich hatten Charlie Winston oder Soko noch nie die Originale gehört. Dem gegenüber bedeutet jedoch ein Cover von "Week-End à Rome" oder auch „Marcia Baila“ ganz klar die Auffrischung von ultrabekannten Klassikern, die jeder in Frankreich kennt.
BODYSTYLER: Du hast ja auch schon mit Carla Bruni zusammengearbeitet, wo bitte findet man denn ihren Beitrag zu dieser nationalen Aufgabe?
Libaux: Im Moment leistet sie ihren Beitrag im Élysée-Palast, denke ich mal. Keine Ahnung, ob sie bereits etwas über dieses neue Nouvelle Vague-Album weiß. Ich habe keine Nachrichten mehr von ihr erhalten, seit sie die Frau des Präsidenten wurde. Aber es wäre für uns schon schön gewesen, sie dabei zu haben und einen Song mit ihr zu singen. Stellt euch einfach mal vor, die Frau des Präsidenten würde so etwas wie „Putain Putain“ singen. Ich glaube, dass würden wohl alle lustig finden.
BODYSTYLER: Indochine sind hierzulande erst durch ein Cover von Scala & Kolacny Brothers einem breiteren Publikum zum Begriff geworden. Glaubt ihr Ähnliches für Taxi Girl, Etienne Daho oder Mano Negra bewirken zu können?
Libaux: Kannte ich gar nicht, dieses Indochine-Cover. Sicherlich werden einige Leute die Gelegenheit nutzen, einige französische Songs für sich zu entdecken, während sie „Couleurs sur Paris“ hören. Ich denke auch, dass es manche Leute vertrauter mit dem Sound und den Produktionen von Nouvelle Vague macht, wer weiß? Anyway, für Nouvelle Vague war es ja kontinuierlich wichtig Songs unter die Leute zu bringen, welche die meiste Zeit einem breiteren Publikum kaum bekannt waren. Wir werden ja sehen…
BODYSTYLER: Abschließend noch: Euer neues Artwork hat eine schick morbide Attitüde. Was meint Ihr, denken Franzosen darüber, die jene Zeit mit Fanzines wie New Wave oder Interprétation Subjektive bewusst erlebt haben, die damals im Club Le Gibus tanzten und ihre Platten bei New Rose Records kauften?
Libaux: Dieses Artwork ist wirklich fantastisch. Ich meine, das es uns fast umgehauen hat, als wir es zum ersten Mal sahen. Diese Knochen, die da durch jene Frauenstiefel ans Licht kommen, sind wie die Gebeine der Songs, die wir gecovert, die wir verwendet und auf eine elegante und glamouröse Art wiederbelebt haben. Viele Acts der 80er waren dark und morbid, erinnere dich an die Gothic-Szene, Dark und New Wave, Cold Wave, usw., und Nouvelle Vague wandelt genau das nun in stylish, sexy und mondän um. Das ist exakt, was dieses Artwork darstellt.
BODYSTYLER: Merci beaucoup vom Bodystyler für Deine Zeit und dann wünschen wir Euch mal noch viel Spaß jenseits der Variété francaise.
Libaux: Vielen Dank, es war ein Vergnügen mit dir zu plaudern. Wir wollen grade einen Deal mit La Variété Française für die nächsten Monate aushandeln. Freut euch darauf, das wir einige der neuen Songs live spielen, im Januar auch in Deutschland. Dann möglicherweise bis bald, auf einem unserer Konzerte!
BODYSTYLER: Ganz sicher!
---------------------------------------------------------------
Homepage: NouvellesVagues.com
© 2010 // Bodystyler Electrozine //
---------------------------------------------------------------
Bodystyler präsentiert:
Nouvelle Vague
Live in Concert
23.01.2011 - Mannheim, Alte Feuerwache
24.01.2011 - Frankfurt, Mousonturm
25.01.2011 - München, Theaterfabrik
26.01.2011 - Düsseldorf, Zakk
27.01.2011 - Hannover, Capitol
28.01.2011 - Berlin, Huxleys
29.01.2011 - Hamburg, Grosse Freiheit
Tickets (ca. 25 EUR): Ticketmaster |
Ticketonline
---------------------------------------------------------------
--------------------------------------------------------------- |