ängerin Marianne Valvekens sprach mit dem BODYSTYLER über verschlungene Pfade der Vergangenheit und Gegenwart, wobei die Kommentare und Andeutungen, den umtriebigen Bandkopf Jo Casters betreffend, das Mysterium um dessen Person weiter fundamentieren dürften.
BODYSTYLER: Es gibt nicht viele Beispiele für das Comeback einer Band nach fast zwanzig Jahren Funkstille. Bei euch ist das umso erstaunlicher, da ihr in den 80er Jahren bzw. den frühen 90ern wirklich viele Alben und Singles in kürzester Zeit herausgebracht habt. Beschreibt doch bitte, was unterdessen geschehen ist und wie es sich anfühlt, wieder auf Kurs zu sein?
Marianne: Wir hörten damals mit Poesie Noire auf, da wir keine Zukunft für die Band sahen. Jo arbeitete weiter in der Musikindustrie, Herman entwickelte die Sherman Filterbank (einen analogen Synthesizer, Anm.d.Red.) und ich war auch nicht gerade untätig. Ich weiß nicht, ob wir nun wieder auf Kurs sind, wenn wir es denn jemals waren, aber es fühlt sich gut an, wieder an einem Album zu arbeiten.
BODYSTYLER: „Sense of purpose“ wurde seit 2004 bereits einige Male angekündigt, aber erschien letztendlich erst 2010. War das eine erzwungene oder eine freiwillige Verzögerung?
Marianne: Beides. 2004 hatten wir einige Songs, steckten jedoch im kreativen Prozess fest. Hinzu kam, dass Jo sehr beschäftigt war - er hatte mittlerweile eine eigene Plattenfirma. Im Dezember 2009 verspürte er jedoch erneut den Drang, wieder kreativ tätig zu werden.
BODYSTYLER: Den Sound der neuen Songs könnte man als „modern klingende Rückkehr zu euren Wurzeln, vermischt mit dem typischen PN-Humor“ beschreiben. Würdet ihr dem zustimmen? Immerhin zitiert Ihr Euch selbst und einen eurer größten Hits „Gioconda smile“. Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass Ihr Frieden mit der Vergangenheit geschlossen habt – wenn es denn jemals einen Krieg gegeben hat?
Marianne: Wir führen keinen Krieg mit unserer Vergangenheit, aber wir hatten das Gefühl, dass wir unsere Fans mit den letzten Alben etwas enttäuscht haben. Also wollten wir bewusst eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen. Wenn dies unser letztes Album sein sollte, könnten wir damit beruhigt von der Bildfläche verschwinden.

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BODYSTYLER: Mit fast jedem Album habt Ihr Euren musikalischen Stil neu erfunden bzw. definiert fast wie ein Chamäleon seine Farbe ständig wechselt. Was ist der Grund für diese vielen akustischen Erscheinungsbilder?
Marianne: So ist Jo nun mal. Er wollte der Welt zeigen, welche Musik zu schreiben er imstande ist. Das überraschte die Fans stets aufs Neue und die Bandmitglieder ebenso (lacht). Heutzutage findet er das selbst etwas töricht, da wir sonst vielleicht eine größere Anhängerschaft vorzuweisen hätten. Man musste schon ein sehr eingeschworener Fan sein, um uns die Treue zu halten.
BODYSTYLER: Man kann ohne Weiteres feststellen, dass jeder neue Song ein Ohrwurm ist. Erzähle doch bitte etwas über den Bestand an Songs, aus dem Ihr auswählen konntet und wie lang es letztendlich gedauert hat, bis ihr einen solchen Extrakt an perfekten (Pop-) Songs zusammen hattet!
Marianne: Jo hat die Musik geschrieben, ich hörte mir die Songs an und die, die mich nicht inspirierten, wurden verworfen. Ich verfasse meine Gesangsmelodien übrigens ohne Instrument und nehme zwischendurch auch keine Ideen auf. Was also nicht sofort passt, ist nicht gut genug. Vielleicht sind es deswegen Ohrwürmer. Alles muss uns von Beginn an gefallen.
BODYSTYLER: Auf MySpace konnte man bereits 2006/2007 zwei neue Tracks hören. „Forget the unforgettable“ schaffte es auf das neue Album, was jedoch ist aus „All you people out there“ geworden?
Marianne: „All you people out there“ ist ein toller Song, aber Jo hat es nicht geschafft, ihn sinnvoll auf dem Album zu platzieren. Vielleicht passt es auf dem nächsten.
BODYSTYLER: Die neue (und somit dritte) Version Eures The The-Covers „Uncertain smile“ kam recht unerwartet. Warum war es Euch wichtig, diese Neufassung aufzunehmen?
Marianne: Jo wollte das noch einmal machen. Ich weiß nicht, warum und er weiß es wahrscheinlich auch nicht. Eine seiner Gehirnwindungen wird wohl schuld sein (lacht). Versteh es vielleicht einfach als Tribut an The The...
BODYSTYLER: Außerhalb Belgiens bzw. Frankreichs wart bzw. seid ihr ein wohl gehütetes Geheimnis. Könnt Ihr dieses Phänomen erklären? Ich vermute mal, dass das nicht Eure Absicht war...
Marianne: Nein, das war nicht unsere Intention. Wir haben allerdings auch viele Fans in Brasilien, Schweden und Spanien. Wir wissen jedoch nicht, warum wir in Deutschland nie richtig Fuß fassen konnten. Vielleicht sind wir einfach zu speziell oder gar zu poppig? Du müsstest mal deine Landsleute fragen.
BODYSTYLER: Ein Grund dafür, dass Ihr hier kaum bekannt seid, könnte vielleicht auch die Tatsache sein, dass Ihr nie Konzerte hier gespielt habt. Ich habe deshalb nicht schlecht gestaunt, dass Ihr mit „Die Sonne“ – zum zweiten Mal nach „Untergang des Abendlandes“ – einen teilweise deutschsprachigen Text im Repertoire habt. Welche Beziehung habt Ihr zu Eurem geographischen Nachbarn? Könnt Ihr Euch vorstellen, hier mal ein paar Konzerte zu geben?
Marianne: Ich liebe die deutsche Sprache und habe sie sogar studiert sowie viele Eurer Schriftsteller gelesen (Hätte ich mal wissen sollen, denn das E-Mail-Interview wurde in englischer Sprache geführt..., d.Red.). Sie erinnert mich immer an „Die Sendung mit der Maus“, „Pan Tau“ (Ist doch tschechisch, aber psst! d.Red.), die „Sissi“-Filme, Skifahren und all die Dinge, die einem als Kind Freude machen. Ich habe bereits mit sechs Jahren Deutsch gesprochen und denke, dass es eine sehr dramatische, aber auch lustige Sprache ist. Was die Konzerte angeht, soll man niemals nie sagen. Wir haben vor ein paar Monaten auf dem Sinner's Day in Belgien gespielt und Herman hatte auf Grund des ganzen Stresses im Nachhinein mit Herzrasen zu kämpfen. Um ehrlich zu sein, wissen wir nicht, ob wir noch einmal auftreten sollten.
BODYSTYLER: Bleiben wir bei "Die Sonne", dessen Text man als puren Nonsens, aber auch als humoristisch-ernsten Blick auf den Klimawandel verstehen kann. Was wolltet Ihr damit ausdrücken?
Marianne: Letzteres, den humoristischen Blickwinkel. Die deutschen Textzeilen haben einfach hübsch dazu gepasst. Dazu kommt, dass ich schon lange mal das Wort 'Kraftpaket' benutzen wollte, das ich oft bei Biathlon-Übertragungen gehört habe.
BODYSTYLER: Es wäre toll, wenn du auch etwas zum Text von "Choosers" erzählen könntest, denn ich liebe diesen Song und die in ihm verwendeten Formulierungen, zum Beispiel: "In the middle of your heart the manual is japanese. Suicidal in the morning - it's your god given right." Das ist fantastisch! Warum werden Bettler am Ende immer Wählende sein ("Beggars will be choosers anyway" - so der Originalwortlaut, wobei 'Beggars can't be choosers' so viel bedeutet wie 'In der Not frisst der Teufel Fliegen')?
Marianne: Man wird sich nun mal, egal wofür man sich entscheidet, immer fragen, ob die andere Möglichkeit vielleicht doch besser gewesen wäre. Besonders, wenn man sich mit der Wahl nicht wohl fühlt, kommt doch schnell der Zweifel: Ach, hätte ich doch nur...
BODYSTYLER: "Dream one" ist so ein lieblicher Song, aber am Ende ein paar furchterregende Bilder und Alpträume auftauchen. Wobei, vielleicht sind Haie in Bäumen ja nicht zwingend etwas Schlechtes? Warum wolltest Du bei diesem Text mit den Extremen spielen?
Marianne: Ein Freund von mir meinte, dass ich doch mal über meine verrückten Träume schreiben sollte und das sind hier noch die harmlosen Sachen. Gibt es eine tiefsinnige Geschichte dazu? Nein, das ist nur ein Song, aber vielleicht kommen ja irgendwann noch "Dream Two" und "Dream Three".
BODYSTYLER: Es ist wirklich schwer, bei all Euren Projekten und Pseudonymen den Überblick zu behalten. Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Dinge, die man wissen und behalten sollte?
Marianne: Nur kurz. Jo: Poesie Noire, New Beat und sein Label Mostiko. Herman: Poesie Noire, New Beat und Sherman Filterbank. Marianne: Poesie Noire.
BODYSTYLER: Ich habe gehört, dass es eine Wiederveröffentlichung von "Love is colder than death" geben soll und muss gestehen, dass ich mich sehr darauf freue, dieses großartige Album in frischem Soundgewand zu hören. Kann man eventuell auch mit Bonustracks rechnen? Wie steht Ihr heute zu diesem Album? Könnt Ihr Euch noch damit identifizieren?
Marianne: Zu eventuellen Bonustracks kann ich noch nichts sagen, da wir uns selbst erst einmal durch die Archive hören müssen. Habt Geduld! Jo hält das Werk für unser bis jetzt bestes Album, was auch der Grund dafür ist, dass es remastered wird. Vielleicht erhält es ja so eine zweite Chance, wer weiß. Wir können uns auch heute noch sehr gut mit den Songs identifizieren, eigentlich sogar mit all unseren Alben. Sie sind nun mal ein Teil unseres Lebens.
BODYSTYLER: Vielen, lieben Dank für die interessante Beantwortung der Fragen!
Marianne: Wir danken Dir für Dein Interesse. //

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