S.C.U.M.

"Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte!"


Nähert man sich dieser fünfköpfigen Band aus London auf dem optischen Wege, könnte man meinen, dass man es mit einer romantisch angehauchten Schülerband zu tun hat. Alle schauen ein wenig verträumt bis verpeilt in die Gegend und man bezweifelt nur allzu gern, dass sie sich etwas auch nur annähernd Aufregendes im Übungsraum erdacht haben könnten.

 
Interview: Torsten Pape //   Foto: Matthew Stone //   
 

Aufruhr der Gefühle mit gewisser Punkästhetik: S.C.U.M.

 



 
 

»Ich muss meinen Synthesizer ständig unter Kontrolle haben, aber es gibt auch Momente, in denen ich mich etwas umschauen kann!«

 
 
 

S.C.U.M.
„Again Into Eyes”

Je länger ich mich mit dem Debüt der blutjungen Briten mit dem hinterlistigen Namen (Society for Cutting Up Men) beschäftige, umso unglaublicher, jedoch auch grandioser finde ich es. Wie kann es sein, dass ein Erstling so perfekt, spannend, universell einsetzbar, bezaubernd und berauschend ist? Die fünf jungen Londoner verbinden wie selbstverständlich eine Simplizität, die an Joy Division gemahnt, mit dem Besten, was die Insel an wabernden und rückkoppelnden Gitarren je hervorgebracht hat. Man erlauscht hochkarätige Reminiszenzen an namhafte 4AD-Bands, aber auch eine gewisse, typisch britische Nörgeligkeit ist zu vernehmen. Alles befindet sich in sanftem Fluss, über dem zuweilen ein sinfonisches Wetterleuchten erscheint, aber auch hin und wieder ein raues Lüftchen die trügerische Harmonie zerreißt. Grandios! (Torsten Pape)
VÖ: 09.09.11 // Mute

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

ört man dann ihr Debütalbum, denkt man jedoch sofort, dass es den optimalen Soundtrack für einen Sonnenuntergang nach einem langen Regentag darstellen könnte. Beim Genuss von „Again into eyes“ möchte man über die Tristesse einer Großstadt oder am besten gleich des ganzen Lebens sinnieren. Bandmaschinist Bradley Baker gab einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt der Society for Cutting Up Men.


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BODYSTYLER: Eure Songs klingen so unglaublich erwachsen, obwohl ihr doch noch so jung seid. Woher kommt die Fähigkeit, einen solch überwältigenden Sound zu erschaffen?
Bradley Baker: Ich denke, dass wir unsere Musik stets als einen evolutionären Prozess verstanden haben. Wenn man unsere gesamte Diskografie betrachtet, erkennt man, dass es nie einen Knackpunkt, sondern nur eine langwierige Entwicklung gegeben hat. Als wir vor ein paar Jahren begonnen haben Musik zu schreiben, waren wir extrem jung und fast schon naiv im Umgang mit unseren Instrumenten. Als ich mir zum Beispiel mit 17 meinen ersten Synthesizer kaufte, tat ich alles, um zu verbergen, dass ich eigentlich keinerlei musikalische Fähigkeiten besaß. Das hat sich mit der Zeit etwas geändert, aber es macht Spaß, zurück zu blicken und eine Verbindung zwischen den ersten Aufnahmen und dem aktuellen Stand zu ziehen.

BODYSTYLER: Ihr kreiert Wände aus quietschenden und singenden Gitarren. Mich würde interessieren, ob diese aus Improvisationen entstehen oder eher aus einem wohl durchdachten Kompositionsprozess?
Baker: Das ist von Song zu Song verschieden. Bei „Summon the sound“ war es zunächst ein unkontrollierter Versuch, einen möglichst dreckigen und aggressiven Klang zu erzeugen. Am Ende der Session hatten wir fünfzehn Varianten von Synthsounds, von denen einige sogar nur vierhändig zu spielen waren. Es dauerte dann noch mal eine Weile, bis wir herausgefiltert hatten, welche den Schlüssel zum Song darstellten und welche die Sicht eher verschleierten. Bei „Requiem“ zum Beispiel ging alles viel bewusster vonstatten, um den gewünschten Sound zu erschaffen. Das Grundgerüst war rudimentär, so dass wir ganz gezielt Klänge manipuliert haben, um das Gefühl des Liedes zu verstärken.

BODYSTYLER: Von eurer ersten Single – einem recht rauen Einstand - bis hin zum sinfonischen, tiefgründigen Klang des Debüts war es ein langer Weg. Was würde passieren bzw. wie würde es klingen, wenn Ihr heute eine neue Version von „Visions arise“ / „Second sea“ aufnehmen solltet?
Baker: Zufälligerweise erscheint „Again into eyes“ fast auf den Tag genau drei Jahre nach der „Visions arise“-Single. Lange Zeit war das unser stärkster Song und der, den das Publikum am meisten geliebt hat, so dass wir ihn bis zum Frühjahr 2010 in fast unveränderter Form live gespielt haben. Auf Grund unseres entwickelten Verständnisses für die Klangerzeugung, aber auch des neuen Equipments, haben wir danach etwas Neues aus ihm gemacht, ohne dabei den eigentlichen Kern zu verändern. Es ist doch auch viel interessanter, wenn eine Band Dein Lieblingsalbum nicht originalgetreu spielt, sondern mit subtilen Veränderungen, die es frisch klingen und zu einem neuen Erlebnis werden lassen.

BODYSTYLER: Zunächst war ich der Meinung, dass Ihr einen sehr urbanen Sound habt, aber seitdem ich Eure Songs an der Ostsee unter einem bewölkten Himmel durch den ein paar Sonnenstrahlen fielen, gehört habe, weiß ich, dass so eine Umgebung auch sehr gut passt. Wo sollte man denn Euerer Meinung nach Eure Musik genießen?
Baker: Je mehr Leute unser Album hören, umso mehr wird uns bewusst, dass es in vielen verschiedenen Umgebungen funktionieren kann. Ich würde es jedoch immer dahin mit zurücknehmen, wo es entstanden ist: in eine sonnige Sommerlandschaft. Für uns war es damals großartig, die fertigen Songs das erste Mal bei einem Sonnenuntergang zu hören und weit und breit war außer uns keine Menschenseele zu sehen.

BODYSTYLER: Auf Eurer myspace-Seite findet man die Genreangaben Punk und Visual Kei – zwei Beschreibungen, die mir nicht unbedingt sofort in den Sinn kommen würden. Sind das Einflüsse oder etwas, das Ihr in Eurer Musik konkret wiederfindet?
Baker: Das bezieht sich wohl noch auf die Zeit, als wir mit der Band anfingen. Unsere ersten Auftritte hatten eine gewisse Punkästhetik, da wir unsere Instrumente dergestalt attackierten, dass der chaotische Sound – zusammen mit dem Stroboskoplicht – ein intensives Bild entstehen ließ. Das war bestimmt nichts Neues, aber zu dieser Zeit hat das niemand sonst so gemacht. Die Tatsache, dass wir noch nicht einmal Gitarren benutzt haben, unterschied uns von allen anderen Bands und machte das Ganze noch mehr zu Punk. Spuren dieser Elemente finden sich bis heute in dem, was wir tun und wir werden auch nie mit unseren Wurzeln brechen oder sie vergessen.

BODYSTYLER: Ist es eigentlich Pflicht für Bands, die melancholische Gitarrenmusik spielen, auf ihre Schuhe zu starren (Shoegazer...)? Auf was schaut Ihr so auf der Bühne und nennt doch mal ein paar aufregende Dinge, die Ihr bis jetzt so gesehen habt?
Baker: Ich weiß nicht, wem das jetzt bewusst oder nicht bewusst ist, aber das Shoegazer-Genre hat seinen Namen deshalb, weil die Musiker – meistens die Gitarristen – auf ihre Füße schauen, da dort der typische Sound entsteht. Es benötigt konstante Aufmerksamkeit, da sich die Effektpedale auf dem Boden befinden, wodurch der Eindruck entsteht, dass man auf seine Schuhe starrt. Obwohl wir das ebenfalls tun, wird uns der Begriff meiner Meinung nach jedoch nicht gerecht. Ich muss meinen Synthesizer auch ständig unter Kontrolle haben, das nimmt schon die meiste Zeit in Anspruch. Aber es gibt auch Momente, in denen ich mich etwas umschauen kann. Obwohl ich dann selten ins Publikum blicke, macht es mir doch Freude, Leute dort zu entdecken, seien es nun meine Eltern oder enge Freunde. Ich habe die merkwürdige Gabe, Leute sofort zu entdecken. Weiterhin sieht man auf der Bühne natürlich ständig unsere Roadies, die auch gute Freunde sind. Wir haben jedenfalls ständig unseren Spaß und schneiden uns gegenseitig Grimassen. Sam und ich haben letztens unsere Positionen getauscht, so dass ich nun hinter den anderen stehe, was auch eine nette Erfahrung ist.

BODYSTYLER: Auf dem Albumcover findet man mehr Hände als Augen. Warum habt Ihr das Album dann nicht „Again into hands“ genannt? Oder anders: Warum habt Ihr dieses Bild verwendet?
Baker: Als eine Gruppe von Leuten interessiert uns natürlich nicht nur die Musik, sondern auch andere Kunst. Das reicht vom Film, über Grafikdesign bis hin zu Fotografie. Wir wollten jedenfalls ein Cover haben, das einzigartig ist und was es so noch nicht gab. Zum Glück hatten wir die Möglichkeit eng mit einigen Künstlern zusammen zu arbeiten und kennen schon seit einiger Zeit Matthew Stone. Das Bild zeigt für mich eine Kollage von Emotionen, was die Leute hoffentlich auch in unserem Sound sehen.

BODYSTYLER: Wenn man Songtitel wie „Whitechapel“ oder „Requiem“ liest, könnte man vermuten, das Ihr religiös seid oder zumindest eine Affinität zu solchen Themen oder wenigstens Gebäuden oder Musik habt. Sind das abstrakte Metaphern oder geht Ihr sonntags in die Kirche?
Baker: Wir haben uns seit jeher bemüht, einen Aufruhr der Gefühle zu erzeugen, sei es durch die Texte oder die Musik. Andererseits gefiel mir immer schon die Idee, etwas Undurchsichtiges zu erschaffen. Wenn es klare Botschaften gibt, erscheint alles viel weniger persönlich, da es umso wahrscheinlicher wird, dass jemand exakt das Gleiche empfindet. Es war also immer unser Anspruch etwas Einzigartiges zu erschaffen.

BODYSTYLER: Wenn Ihr die Möglichkeit hättet, einen Werbespot für Kondome zu kreieren, wie würde er aussehen und sich anhören?
Baker: Häh???

BODYSTYLER: Man konnte in der letzten Zeit den Eindruck gewinnen, dass es immer mehr Schlagzeugerinnen gibt. Was sind der die Vorteile der Mädels mit den Drumsticks?
Baker: Mir gefällt das Überraschungselement, das dadurch entsteht, besonders bei den Leuten, die uns noch nie live gesehen haben. Das ist eben immer noch das Instrument, hinter dem man am wenigsten eine Frau vermutet. Wenn sie dann dieses beherrschen, klingt es meistens umso besser. Außerdem gibt es einem ein sicheres Gefühl, wenn man sich auf die Rhythmussektion verlassen kann, was einem auch mal erlaubt, mit dem eigenen Instrument zu experimentieren. Die Zahl der Komplimente, die wir nach unseren Gigs für Mel bekommen, ist übrigens gewaltig. Sie ist das Bandmitglied, über das am meisten geredet wird, also ist die steigende Zahl der Schlagzeugerinnen wirklich kein Wunder. Ich denke nämlich, dass einige sich bei ihr für Übungsstunden angemeldet haben...

BODYSTYLER: Träumst Du Dein Leben oder lebst Du Deine Träume?
Baker: Ich stelle mir gern vor, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt.

BODYSTYLER: Was hilft Dir dabei, Traum und Realität zu unterscheiden?
Baker: Meine vorige Antwort macht diese Antwort extrem schwierig und ich bin zufrieden damit. //




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