Straight From The Harp

Electro-Blues aus dem Euro-Ghetto


Wie zwei Dänen in Berlin einen auf Jack London mit Mundharmonika und Drumcomputer machen.
 
Text & Interview: Till Schröder //   Foto: Heide Kränzlein //   
 

Musiker-Autodidakt und studierte Philosophin: Jarno Varsted und Lady Lützen von Straight from the Harp

 


 
 

»Berliner kapieren, was wir wollen, die meckern nicht, dass da auf der Bühne keine Band steht!«

Elektronischer Rockabilly ohne Machogehabe
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

benteurer des Schienenstrangs" hiess ein Jack London-Klassiker. Güterwaggons voller Landstreicher, die auf der Suche nach einer Zukunft durchs ungebändigte Amerika der Industrialisierung ziehen. Die Mundharmonika immer im Gepäck. Den Blues ständig in der Lunge. Eigentlich war die Zeit eine einzige staubige Blues-Jam-Session der Tramps und Hobos. Schnitt. Berlin-Neukölln im Jahr 2011: Nach Wanderarbeiterromantik sieht es im Vorzeige-Harz-IV-Bezirk Berlins nicht aus.


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Internetbuden, Wettbüros und Ramschläden reihen sich noch und nöcher entlang der Hauptschlagadern des dicht besiedelsten Wohngebiets Berlins mit seinen über 160 Nationalitäten. Weit, weit weg von irgendwie geartetem Goldrausch- und Wolfsblut-Flair. Zwei Dänen sehen das anders. Zwei Videos auf YouTube beweisen es: Sie ziehen aus den von Gebrauchtwagenhändlern gesäumten S-Bahnstrecken Neuköllns eine elektrisierend hypnotische Klangverwaschung, die in mir das monotone Rattatatak der annodazumal trampenden Glücksritter und Hungerlöhner in ihren Viehwaggons heraufbeschwört. Rockabilly-Trash-Blues-Drone-Electro. Klingt komisch, ist aber so.

Eine Mundharmonika und ein paar Effektgeräte, ein billiger Drumcomputer und ein Uralt-Synthie: fertig ist der Electroblues von Straight from the Harp. Merkwürdig einnehmend, durchzogen von dunkler Filmhaftigkeit, dem schnippenden Beat des Rockabilly und der Motorik des Krautrock. Mehr gemurmelte als gesungene Vocals. Stimme als weitere Textur im Klangteppich. So simpel reduziert in der Instrumentierung wie effektvoll in der Wirkung: Als hätte sich Howlin' Wolf mit Suicide für ein kreatives Wochenende im ehemaligen Studio von Neu! einquartiert.
Das dänische Paar Jarno Varsted und Lady Lützen (er Musiker-Autodidakt, sie studierte Philosophin) lebt seit 2008 in Berlin-Neukölln, nachdem sie sich auf einer Stippvisite ein Jahr zuvor in die Stadt verknallten. Schnell tourten sie den Nischenkosmos der Berliner Kleinclubs mit hohem Renommee: White Trash, King Kong Club, NBI, Intersoup, Ausland und ähnliche Kaliber. Berlin liebt sie und sie Berlin: "Die Berliner kapieren was wir wollen, die meckern nicht, dass da auf der Bühne keine Band steht. In Dänemark wollen immer alle nur ne 'echte' Band sehen", sagt Lützen.

Mundharmonika, billiger Drumcomputer, Uralt-Synthie: fertig ist der Electroblues von Straight from the Harp

Den Blues haben schon andere in elektronische Fahrwasser gelotst, allen voran Moby und Recoil. Doch Straight from the Harp pickt sich nicht Gesangspuren aus dem Archiv und bettet sie in Elektronik ein, sondern bläst selbst in die Harmonika. Atmet den Blues. Wortwörtlich. Schliesslich ist die Mundorgel eines der anspruchsvollsten Instrumente überhaupt. Und: Varsted ist ein Auserwählter. "Als ich zwölf Jahre alt war, nahm mich meine Mutter zu einem B. B. King-Konzert mit. Nach dem zweiten Song zeigt King auf mich und schenkte mir von der Bühne einen Anstecker von ihm. Mir blieb gar keine Wahl. Am selben Abend rief ich meinen besten Freund an, und wir gründeten eine Blues-Band."

In der Pampa von Dänemark, in der Nähe von Roskilde, waren sie ab dann die einzigen Langhaarigen, die Musik machten. Mit 20 erwischte Varsted dann doch noch der Punk- und Indie-Virus und den traditionelle Blues lösten Gitarrenexperimente ab. Von Kraftwerk inspiriert veröffentlichte er mit der Band Rumspringa zwei Alben, die Alternative mit Elektronik mischten. "Als ich dann mit Lady Lützen nach Berlin kam, war ich erstmal ohne Band. Ich hatte nur meine Mundharmonika und einen Drumcomputer dabei." Die Geburtsstunde von Straight from the Harp. Er stolperte über eines dieser fiesen Instrumental-Alben, das immer nur um ein Instrument kreist. In Varsteds Falle Ashwin Batishs "Sitar Power", Indiens Superstar, der das asiatische Zupfinstrument in den Mittelpunkt rückte. Warum nicht auch so etwas für die Mundharmonika machen, sagte sich Varsted. "Das war aber zu langweilig, also kam bald Gesang dazu und dann die Synthies." Schnell wurde aus Lady Lützen mehr als nur das Knöpfchen-drückende Live-Element für Varsteds neues Solo-Projekt. Es wurde ihr gemeinsames Projekt. Ihr Ziel: ein modernes Harmonika-Album, elektronischer Rockabilly ohne das Machogehabe.

»Als ich zwölf Jahre alt war, schenkte mir B. B. King von der Bühne einen Anstecker von ihm. Am selben Abend gründeten wir eine Blues-Band!«

Lützen, auch ein Landei, die ihre Jugend mit Reiten, ohne Fernseher und einer heftigen Dosis Bruce Springsteen verlebte, hatte mit Musik nie etwas am Hut. Sie schrieb ihre Abschlussarbeit über Fragen der Ethik in der Biotechnologie und, gelangweilt von akademischer Philosophie, begann zu malen. Nun singt sie und komponiert, ist das kreative Korrektiv der Band. Wie Varsted betont, der wichtige Part, denn wie die alte Musiker-Weisheit lautet, gründe nie ein Band, in der nicht mindestens einer kein Musiker ist. "Ich kann nicht singen. Wenn ich das für unsere beide kleinen Söhne versuche, klingt das immer fürchterlich", bestätigt Lützen. "Aber mit viel Hall klappt das schon ganz gut. Wir hauchen ja auch mehr, als das wir singen." Und auch bei den Vergleichen mit Bands wie Suicide, Klinik, Sonovac oder The Cramps, zuckt man nur mit der Schulter. "Ich kenne das alles nicht", schüttelt Lützen amüsiert den Kopf. Erst nach dem zehnten Suicide-Vergleich haben beide endlich mal zu den Heroen aus New York gegriffen.

Auch weil man einem ganz anderen Kosmos entsprungen ist, versprüht ihre Musik den besonderen Charme. Ihr Debüt "Rain Rain Down Down" kam auf dem in Dänemark viel gerühmten Indielabel Auditorium raus. Eigentlich für Schraddelbands und Singer/Songwriter bekannt. Seit dem sind sie in der dänischen Musikszene gut verdrahtet. Touren mit 22 Pistepirkko, The Raveonettes und Kira & The Ghostriders folgten. Und ein Remix-Album gleich hinterher. "Eigentlich ganz schön arrogant, so ein Remix-Album so schnell nach einem Debüt", meint Lützen. Aber viele Musiker wollten von sich aus einen Remix machen, also nahm die Idee für "Re Re Mix Mix" schnell Fahrt auf. Der Raveonettes Drummer war so begeistert, das er sich sofort als Live-Drummer für Konzerte anbot. Ab und an rufen sie ihn dazu. Je nach Klub sei es ja doch "ganz schön leer da oben" sage sie.

Und das nächste Album liegt auch schon fertig in der Schublade. Diesmal würde man es gern auch in Deutschland rausbringen. Wieder mit einer Ode an den "Miami Vice"-Regisseur Michael Mann, wie auf dem Debüt? Man lacht: "Einmal reicht." Und warum gerade Michael Mann? "Als mal wieder die xte Helikopter-Kamerafahrt über Don Johnsons Cabrio glitt, stand im Untertitel nur 'fast paced music'. Da sagten wir uns: Wir machen jetzt fast paced instrumental music für Michael Mann. Die Adresse der Agentur haben wir schon, müssen ihm die CD nur noch schicken." Vielleicht ist ja beim nächsten Album Bruce Springsteen dran. The Boss: unterschätzt wie die Mundharmonika. Könnte spannend werden. //




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