Bodystyler: Erstmal fällt beim Hören deines neuen Albums auf, dass es sehr viel organischer, wärmer und auch schwerer klingt als "The Last Resort". Was hat dich dabei besonders beeinflusst?
Trentemøller: Eigentlich sehr viele verschiedene Sachen und es fällt mir schwer, da nur ein oder zwei Dinge zu nennen. Allerdings war ich, während ich das Album schrieb, zweimal in Island, und ich wurde durchaus beeinflusst durch die Natur in Island, weil sie so dramatisch und kraftvoll ist. Diese großen, weiten Flächen. Nachdem ich in Reyjkavik aufgelegt hatte, wohnte ich in diesem kleinen Hotel, und dort waren nur ich und noch zwei andere Leute. Es waren ungefähr fünf Stunden Fahrt bis ins Nirgendwo und da war nichts, nur dieses Hotel, ein großer Gletscher und das Wasser. Der Strand hatte dunklen Sand, eigentlich sogar eher schwarzen Sand, es sah aus wie eine Mondlandschaft. Und dann gab es da noch eine alte Kirche aus Holz, und das war so ein großartiges Bild, das ich nicht vergessen konnte. Ich fuhr dann heim nach Kopenhagen und hatte noch lange dieses Bild und diese Stimmung vor Augen. Das hat mich dann zu einigen Songs inspiriert, besonders beim ersten Stück des Albums. Diese dramatische und epische Naturerfahrung inspirierte mich sehr. Aber auch tatsächlich die Stadt, in der ich lebe. Ich lebe in Vesterbro (Anm.: Stadtteil von Kopenhagen), das ist schon ziemlich krass dort. Es ist so eine Art Rotlichtviertel, also gibt es dort beispielsweise viele Junkies. Sehr rau, aber trotzdem ein sehr lebhafter Ort, um die Ecke gibt es ein neues Gebäude, mit vielen Galerien und kunstinteressierten Leuten, es ist also auch ein sehr gegensätzlicher Ort und sehr inspirierend.
Bodystyler: Nun, insofern passt natürlich auch der Albumtitel und auch das Video zur ersten Single des Albums, "Sycamore Feeling", sehr gut zu der von dir angesprochenen Inspiration durch Island...
Trentemøller: Ja, und es war auch eigentlich in Island, als mir der Albumtitel eingefallen ist. Es ist immer schwierig für mich, Titel für die Musik zu finden, denn ich möchte keinen Titel haben, der vielleicht zu viel verrät, aber der Titel sollte schon auch ein bisschen von dem erzählen, was einen musikalisch erwartet. Und letztendlich klingt dieses Album ein bisschen komplexer und dramatischer, aber auch ein bisschen dunkler und schwerer, verglichen mit dem ersten Album. Daher wollte ich auch für den Titel etwas Dramatischeres, das aber auch nicht zuviel verrät, so dass die Leute sich ihre eigenen Gedanken dazu machen können. So wie bei "The Last Resort", wo die Leute mich gefragt haben, was das sein soll, diese letzte Zuflucht. Ich finde es toll, wenn die Leute sich ihr eigenes Bild erschaffen können.
Bodystyler: A propos Titel für Stücke, beziehungsweise Alben: Ein Titel fällt im Tracklisting doch etwas aus dem Rahmen, namentlich "Silver Surfer, Ghost Rider, Go!". Hat da etwa jemand zu viele Comics mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen?
Trentemøller: Eigentlich ist dieser Song beeinflusst von diesen Sechziger-Jahre-Softpornos, wie zum Beispiel von Russ Meyer. Und diese Filme hatten immer so eine Art "Twang"-Gitarrensound, den ich wirklich sehr mochte, und daher war dieser Song so eine Art Tribut an diese Zeit. Es hat einen sexy Groove und klingt schön böse.
Bodystyler: Generell finden sich im Vergleich zu deinem ersten Album deutlich mehr Gitarren auf deinem zweiten Album, oder?
Trentemøller: Eigentlich liegt es nicht so sehr an den Gitarren, sondern auch an den analogen Sounds. Aber die Gitarren ergänzten das, weil ich von diesem Sechziger-Jahre-Sound inspiriert war. Die meisten Gitarren auf dem Album sind gar keine richtigen Gitarren, ich habe sie per Keyboard eingespielt und habe sie durch jede Menge Gitarrenverstärker gejagt und dann wieder in den Computer zurück. Es klingt zwar nach Gitarren, aber fast alle Gitarrensounds habe ich am Keyboard eingespielt.
Bodystyler: Zu deinem ersten Album sagtest du im Interview, dass es ein Soundtrack für einen Film ist, der sich nur in deinem Kopf abspielt. Wenn du tatsächlich Regisseur für einen Film wärst, wie sähe der wohl aus?
Trentemøller: Wenn ich so talentiert wäre wie David Lynch, dann würde ich versuchen, etwas zu machen, das so ähnlich ist wie sein Film "Mudholland Drive", denn das ist einer meiner Lieblingsfilme. Lynch ist sehr gut darin, verschiedene Stories parallel zu erzählen und arbeitet mit verschiedenen Ebenen. An der Oberfläche ist es wunderschön, aber darunter verbirgt sich etwas Verstörendes, da ist sehr viel Unterbewusstes in diesen Ebenen. Es ist manchmal schwierig zu sagen, was genau eine Sache unheimlich macht, aber er beherrscht dieses Spiel mit den Ebenen sehr gut. Ich würde wohl versuchen, einen Film mit dieser Art von Stimmung zu machen.
Bodystyler: Dein erstes Album war rein instrumental, und du sagtest damals in unserem ersten Interview, dass es den Fluss des Albums gestört hätte, wenn Vocaltracks dazwischen gewesen wären. Nun hast du auf deinem neuen Album ganze vier Stücke mit Gesang. Was unterscheidet dein zweites Album vom ersten in dieser Hinsicht?
Trentemøller: Ich hatte diese Idee schon sehr früh bei diesem Album. Ich hatte einige Melodien und Akkorde, die einfach Gesang brauchten. Bei Instrumentalmusik kannst du dir deine eigenen Gedanken dazu machen, aber schließlich hatte ich vier oder fünf Stücke, bei denen ich dachte, dass es toll wäre, daran mit einem Sänger zu arbeiten, weil sie irgendwie dafür gemacht waren. Also fragte ich dafür einige gute Freunde, die außerdem sehr gut singen – da hatte ich wirklich Glück – und zwei der Stücke, "Even Though You're With Another Girl" und "Sycamore Feeling", hatte ich sogar mit diesen Sängern im Kopf geschrieben. Daher war es für sie relativ einfach darauf zu singen, und sie schrieben auch die Texte zu dem Song, denn darin bin ich wirklich schlecht - besonders auf Englisch. Deswegen habe ich ihnen auch textlich kompletten Freiraum gelassen, das zu schreiben, wonach ihnen war.
Bodystyler: Also hast du auch kein Thema vorgegeben?
Trentemøller: Nein, nein. Ich mich darüber sogar mit einem Freund unterhalten, aber dann dachten wir, dass es vermutlich besser ist, einfach zu schauen, mit was die Sänger so ankommen. Denn natürlich lassen sie sich auch von der gesamten Stimmung des Songs beeinflussen, und ich denke, man bekommt dann ein sehr viel ehrlicheres und reineres Ergebnis, wenn sie über etwas singen, dass sie wirklich beschäftigt. Und natürlich hätte ich es nicht verwendet, wenn sie totalen Mist verzapft hätten, aber ich war sehr zufrieden mit dem, was sie gemacht haben.
Bodystyler: Wenn deine Sängerfreunde jetzt mit totalem Bockmist angekommen wären, hättest du allerdings auch schön in der Klemme gesessen, oder? Ist schließlich nicht so einfach, die Freunde mit negativer Kritik zu konfrontieren...
Trentemøller: Sie sind schon auch Musiker, und wenn du befreundet bist, sollte man sich die Wahrheit sagen können – zumindest, wenn es ums Musikmachen geht! Wenn das nicht geht, hilft das keinem. Daher muss man schon ehrlich sein, denn letztendlich müssen beide Seiten mit dem Ergebnis zufrieden sein, und das würde nicht klappen, wenn man sich nicht traut, ehrlich zu sein. Auch weil ich sie schon so lange kenne, kann ich ihnen alles Mögliche an den Kopf schmeißen.
Bodystyler: Und wenn du dir aussuchen könntest, mit welchem Sänger du zusammenarbeiten könntest – egal wer: Wer würde das sein?
Trentemøller: Meine absolute Lieblingssängerin ist Hope Sandoval. Sie singt in einer Band namens Mazzy Star, und sie hat einfach eine wundervolle Stimme, die perfekt zu meiner Musik passen würde.
Bodystyler: Hast du sie schon mal kontaktiert?
Trentemøller: Ja, eigentlich stalke ich sie! Ich habe schon versucht, mit ihrem Label in Kontakt zu kommen und auch mit ihr selbst, aber sie ist sehr öffentlichkeitsscheu, wie ich gehört habe. Ich habe nie eine Rückmeldung von ihr oder ihrem Label bekommen. Aber ich versuche es weiter, und sie hat tatsächlich vor kurzem erst auf dem neuen Massive Attack-Album gesungen. Also stalke ich sie einfach weiter!
Bodystyler: Wenn man sich so Interviews mit anderen Künstlern aus der Dance-/Electro-Szene durchliest, aus der du ursprünglich ja auch kommst, kommt hier oft durch, dass dort ein Albumrelease mit einem gewissen Luxus gleichgesetzt wird. Stimmst du da zu?
Trentemøller: Nein. Natürlich ist es schon ein gewisser Luxus, ein Album machen zu können, aber für mich ist es das Wichtigste. Eine 12" zu machen ist auch toll, aber du kannst damit nicht das Gleiche ausdrücken wie auf einem Album. Auch, wenn das komplette Albumformat zur Zeit etwas im Aussterben begriffen ist weil die Leute sich kaum noch wirklich Alben anhören, so denke ich doch, dass ein Album dich immer noch auf eine Reise mitnehmen kann, wenn du es dir von vorne bis hinten anhörst und dich auf gewisse Weise in eine Phantasiewelt entführen lässt, wenn du dich darauf einlässt und es dir auf deinem Sofa anhörst. Ich mag einfach Alben, die so etwas können. Und finde auch, dass es nicht viele technoide Alben gibt, die das können. Diese Musik funktioniert einfach nicht zuhause, man braucht dafür mehr Ebenen und eine persönlichere Stimmung. Einer meiner liebsten elektronischen Künstler zum Beispiel verschmilzt verschiedene Stile und macht tolle Alben, wie zum Beispiel Caribou. Elektronische Künstler, die nicht so darauf festgelegt sind, nur Musik für die Tanzfläche zu produzieren.
Bodystyler: Es hat sich im Vergleich zum ersten Album nicht nur musikalisch etwas geändert, denn du veröffentlichst "Into The Great Wide Yonder" auf deinem eigenen Label In Your Room...
Trentemøller: Ja, es erscheint auf meinem eigenen Label, allerdings haben wir einen Vertrieb. Es ist für mich eine großartige Möglichkeit, meine eigene Plattform zu haben - dieses Album eben nicht auf einem Technolabel zu veröffentlichen, sondern einem neuen Label, das noch überhaupt keine Geschichte hat. Und eventuell kann ich darüber zukünftig auch andere Sachen veröffentlichen. Zur Zeit produziere ich eine weibliche Band namens Darkness Falls, und das wird hoffentlich die nächste Veröffentlichung auf meinem Label sein. Aber für mich ging es in erster Linie darum, die Freiheit zu haben, das zu tun, was ich möchte.
Bodystyler: Scheint so, als hättest du 'ne ganze Menge vor?
Trentemøller: Ja... und im Oktober gehen wir auf eine Welttournee, diesmal mit einer richtigen Band. Wir werden sechs oder sieben Musiker auf der Bühne sein, also ein weitaus größeres Setup als beim letzten Mal. Daher sitze ich gerade auch die ganze Zeit daran, die Stücke livetauglich zu machen und zu schauen, ob sie funktionieren.
Bodystyler: Na, wird schon, was? Wir werden das überprüfen!
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