Wumpscut

"Es gibt zu wenig Bikinis für Zombies
!"

Man hört sie bereits rufen, die ewig im Gestrigen Verweilenden. Sie werden sich erneut die alten Tage zurückwünschen und das Neue genau wie die letzten Alben nächtelang weinend nach den alten Hits durchsuchen. Die sind jedoch und eben nur auf den alten Alben zu finden. „Schrekk & Grauss“ bietet neues Songmaterial und das definiert sich von Beginn an durch schräge, aber auch coole Sounds, die teilweise gespenstisch wirken und im Verbund mit den prägnanten und dieses Mal wieder des Öfteren in der deutschen Geschichte verwurzelten Texten eine ganz eigentümliche Atmosphäre entwickeln.
 
Interview: Torsten Pape //   
 

Ein Album mit 50 Prozent Ironie: „Die Epigonen klingen doch eh alle gleich!“

 



 
 

»Ich hab was übrig für tschechische Märchenfilme, die waren oft so verstörend sexuell aufgeladen!«

Rudy Ratzinger
 
 
 

Wumpscut
"Schrekk & Grauss"
Tief im Süden sitzt der Rudy und freut sich. Darüber, dass er den Jahresrhythmus des Erscheinens seiner CDs eingehalten hat. Darüber, dass er, anstelle von Angst und Schrecken ab sofort „Schrekk & Grauss“ verbreitet. Darüber, dass er wohl kaum Werbung benötigt, um sein neuestes Werk in allen erdenklichen Versionen an den Mann zu bringen. Und vielleicht schleicht sich auch ein Grinsen in sein Gesicht, da er bereits vor der Veröffentlichung davon ausgehen konnte, dass aus einigen Ecken des Electro-Universums Gemecker und Geschrei erschallen wird. „S&G“ ist ein Album, das beschäftigt, zum Nachdenken und Wundern anregt. Wenn man es denn lässt. Es ist böse, melodiös, hart, sperrig, mal nahrhaft, mal schwer verdaulich, oft skurril und hin und wieder grausam. Es bedient sich bei Geschichte und Geschichten, haut nicht drauf, sondern total hin. (Torsten Pape)
VÖ: 22.04.2011 // Beton Kopf Media

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s gibt jedenfalls viel zu entdecken bzw. erleben und dazu zählen auch in diesem :W:-Jahr wieder typische wie atypische Charakteristika und ein erneut (nach „Blutkind“) im Comic-Stil verhaftetes Artwork. Der gute alte Rudy gab ein gewohnt kna"kk"iges Interview.


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BODYSTYLER: Du möchtest also „Schrekk und Grauss“ verbreiten. Warum?
Rudy Ratzinger: Ja, weil's Zeit wird dafür – so was hatten wir ja noch nie in der Szene.
BODYSTYLER: Nee, das ist richtig. Noch nie nicht. Haben Schrekk und Grauss sich eigentlich gern oder nicht?
Ratzinger: Logisch mögen die sich - was denkstn du. Schrekk is der Grosse / der mitm Totenschädel, Grauss ist der Kleine / der mit der Gasmaske. Erklärt sich ja sowieso alles von selbst, wem erzähl ich das eigentlich.
BODYSTYLER: Ja, wem erzählst du das eigentlich? Jetzt mal ne technische Frage: Irgendwie scheint die Verzerrung der Klänge nicht mehr richtig zu funktionieren. Nicht, dass Deine Musik glatt wie ein Baby-Popo klänge, aber das Reibeisen ist doch ein bisschen entschärft worden. Haben die Siamesischen Zwillinge zu viel damit gespielt?
Ratzinger: Ja, is das so? Ich weiß es nicht. Wenn du mich selbst fragst danach, dann kann ich nur sagen, dass dem allgemeinen Allerweltssound draußen in der Szene dringend was entgegengesetzt werden muss. So wird das nix, das entwickelt sich immer mehr zur Sackgasse. Die Epigonen klingen doch eh alle gleich. Gott sei Dank muss ich das nicht alles anhören.
BODYSTYLER: Wir hier müssen das zum Glück auch nicht alles anhören. Gibt ja keinen Soundcheck mit Pflichtteilnahme beim Bodystyler. Die Titel der Songs bringen einen mal wieder ins Grübeln. Warum zum Teufel denn zum Beispiel „Wumpelstilz“ und nicht „Wumpelstilzchen“?
Ratzinger: Weil eine Verniedlichung ja nicht der Gefährlichkeit der Gestalt entsprechen würde. Ein Wumpelstilz zerhackt dich am Schluss ja (im Gegensatz zum Original). Schade, dass wir darüber keinen Film machen können. Ich hab was übrig für tschechische Märchenfilme, die waren oft so verstörend sexuell aufgeladen.
BODYSTYLER: Apropos Sex: Warum heißt es bei Dir „Zombibikini“ und nicht „Zombiebikini“ oder „Zombiekini“ oder gar „Zombikini“ oder „Zombieknie“?
Ratzinger: Ahaha, IDEE! Ja, da ging's mir wirklich um die Schreibweise. Sollen mal nur alle drüber stolpern, die denken, so was geht ja gar nicht. Geht ja doch! Es gibt entschieden zuwenig Bikinis für die angesprochene Gruppe - musste dringend mal gesagt werden.
BODYSTYLER: Hast Du hiermit getan. Ab Titel #5 fängt es irgendwie an, richtig viele „i“s zu geben. Gab es die im Sonderangebot?
Ratzinger: Ah, ja? Is mir gar nicht aufgefallen. Muss ebenfalls was mit der Ironie zu tun haben, die sich durch 50 % des Albums zieht.
BODYSTYLER: Nun sollen die Leute mal überlegen, bei welchem Teil der insgesamt 100% Du (mal wieder) den Finger auf geschichtliche Epochen legst, die manch einer als Wunde versteht. Was bringt dich dazu, diese Ereignisse nicht ruhen zu lassen?
Ratzinger: Die damalige Zeit liegt einfach zu gut in Bild und Ton vor - und außerdem ist einfach zuviel passiert, als dass man das alles einfach links liegen lassen könnte.
BODYSTYLER: Ich vermute, dass du dich mit dem Song „Muselmann“ auf die (dem Hunger-) Totgeweihten in den deutschen KZs beziehst und nicht auf die Muslime im landläufigen Sinne.
Ratzinger: Da hast du mal gut recherchiert - Gott sei Dank!
BODYSTYLER: Warum war dir diese vergessene (??) Bedeutung wichtig?
Ratzinger: Ich hab das Buch von Primo Levi gelesen - musste einfach mit rein.
BODYSTYLER: Rudolf Höß war der Kommandant des KZ Auschwitz. In Wolczyny (dt. evtl. Wolzek) gab es ebenfalls ein KZ, das in einer Vernehmung von Höß als KZ Wolzek bezeichnet wurde. Du führst mit dem Song „Rudolf Wolzek“ beide Begriffe zusammen. Mit welchem Hintergedanken?
Ratzinger: Ich denk, ich muss mir für nächstes Mal was Kryptischeres einfallen lassen. Ist alles viel zu einfach zu googeln mittlerweile.
BODYSTYLER: Da wird unserem Magazin also mal so schnell das geschichtliche Fachwissen abgesprochen! Na gut, ich geb’s ja zu: Es war nur ein Teil, der gewusst wurde. Bleiben wir beim Historischen: Mich würde interessieren, woher die gesampelten Abhandlungen in „Patient A.“ stammen? Es gibt ja einige Quellen, die sich mit den pathologischen Facetten des Herrn beschäftigen, aber das hier schien ja eine (Fernseh-)Dokumentation zu sein.
Ratzinger: Ja - jaja. Aber verrat nix vom Protagonisten, sonst ist ja der Aha-Effekt weg.
BODYSTYLER: Da brauche ich wahrscheinlich nix verraten. Das spricht sich doch sowieso bald rum und füllt die Diskussionsforen. Wo kommt (fast) am Ende denn plötzlich das liebe Federvieh her und schreit auch noch laut „Kikeriki“?
Ratzinger: Auch das ist Referenz auf ein großes/großartiges Werk. Siehst du, da wird's dann schwieriger / da versagt dann Google (noch).
BODYSTYLER: Google wurde in dem Fall übrigens gar nicht erst bemüht, weiI ich Dir mal keine Vorlage liefern wollte *zwinker* Ich lass das mal so stehen und denke mir, dass dieser Song auf mindestens zwei Ebenen funktioniert und irgendwie (natürlich zusammen mit dem „Zombibikini“) die Last der vorigen Songinhalte etwas nehmen kann, damit man nicht ganz so beschwert in den Alltag zurück muss. Richtig gedeutet?
Ratzinger: Nein - daran hab ich in diesem Zusammenhang nicht gedacht. War eher bei der Festlegung der Reihenfolge eine Stilfrage.
BODYSTYLER: Für das Artwork zeichnet erneut Francois Launet verantwortlich, obwohl man das angesichts der Bilder erneut gar nicht glauben mag. Der Stil unterscheidet wieder einmal sehr deutlich von seinen bisherigen Arbeiten, geht ja manchmal geradezu in eine „Gorillaz“-Richtung. Was kannst du zur Entstehung dieser skurrilen, oft sehr eigenwillig proportionierten Figürchen erzählen?

Ratzinger: Ich hatte Francois gebeten, einen Haufen Gestalten zu kreieren in dieser Richtung. Dass es dann (zweifelsohne) lauter Szene-Stereotypen geworden sind, lag gar nicht in meiner Absicht, ist aber sehr wohl eine künstlerische Freiheit, die man ihm ohne Weiteres lassen kann, denk ich.
BODYSTYLER: Kann man dich eigentlich nachts wecken und nach jedem beliebigen Song deiner Karriere fragen, um dann die korrekte Antwort zu bekommen, auf welchem Album und welcher Spezialedition dieses Lied zu finden ist?

Ratzinger: Ja, looogisch - einfache Sache. Die Songs, die ich mache, sind ja nicht einfach nur irgendwelche. Was denkst du, wenn in 5.000 Jahren mal einer die ganzen :W:-Schätze ausgräbt, da kannst du ja schließlich keinen Käse produzieren.
BODYSTYLER: Viel Spaß auf der kommenden Tour!!!
Ratzinger: Ah, MAL SEHEN. //




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